Das letzte Biest und danach bis nach Hause nur Routine (?) – von wegen…

von Ralf Kock am 20.11.2019 / in Allgemein
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Niko, ein befreundeter und Atlantik erfahrener Skipper, mit dem ich vor zwei Jahren zusammen von den Azoren nach Wyk/Föhr gesegelt war, hatte es schon gut auf den Punkt gebracht, als ‚HavLys‘ und ich noch im Süßwasser des Kaledonien Kanals lagen. Er hatte damals via WhatsApp geschrieben „…die Nordsee kommt ja noch – das letzte ‚Biest’…“

Und die herbstliche Nordsee vor der schottischen Küste hat danach auf den Etappen von Inverness bis Peterhead ja auch gleich unter Beweis gestellt, aus welchem Holz sie geschnitzt ist.

Dazu kommt, dass sich dieser Herbst bisher mit sehr instabilen Wetterlagen als außerordentlich stürmisch präsentiert hat. Das einzige, was derzeit stabil erscheint, ist die Kette von Tiefdruckgebieten, die über den Nordatlantik ziehen. Kaum 2 Tage vergehen, ohne dass es irgendwo in der Nordsee nicht zumindest stürmisch zugeht.

Auch Gus (Gustavo), der mit seiner 34 Fuß Stahlyacht „ITHAKA“ von Argentinien bis hierher gesegelt ist, nutzt bei Schilderung seiner Erlebnisse auf der Nordsee auffallend oft kopfschüttelnd Worte wie „horrible„, „awful“ und „problematic“.

Dies aus dem Mund eines Seglers zu hören, der durch die Gewässer vor der Küste Patagoniens auch nicht gerade von Schönwetterbedingungen verwöhnt ist, hat schon eine besondere Qualität, finde ich.

Insbesondere die Mischung aus tidebedingt unangenehm steilem Seegang, hoher Verkehrsdichte und (wiederum tidebedingt) schwierigen Häfen machten ihm zu schaffen.

Das kommt mir irgendwie bekannt vor.

Entsprechend geschärft ist also mein Bewusstsein, während ich in Peterhead auf ein geeignetes Wetterfenster für die Überquerung der nördlichen Nordsee warte.

Peterhead mit seinen knapp 19.000 Einwohnern ist die östlichste Stadt Schottlands und optisch dominiert von grauen Fassaden, oft aus Granit, was typisch für diese Region zu sein scheint.

Außerdem ist Peterhead der größte Marktplatz für Fisch mit weißem Fleisch in der EU.

Logisch also, dass sich hier auch ein betriebsamer Fischereihafen befindet.

Genauer gesagt gibt es hier drei Häfen. Der Fischereihafen liegt am nördlichen Ende einer kleinen Meeresbucht, wo sich auch das Stadtzentrum befindet. Im Südwesten der Bucht liegt die Marina und in unmittelbarer Nachbarschaft am südlichen Ende ein Hafen der Öl- und Offshoreindustrie.

Die ganze Bucht wird durch gewaltige Molen vor der Nordsee geschützt und so quasi zu einem großen Außenhafen gemacht, in den die drei Häfen eingebettet sind. Trotzdem geht es dort oftmals recht unruhig zu…

Die Marina bietet eine gute Infrastruktur und ich habe im Hinterkopf den ‚Plan B‘ gefasst, ‚HavLys‘ zur Not erstmal allein hier zu lassen, wenn sich einfach keine Gelegenheit für eine sichere Überfahrt bieten sollte.

Von Peterhead bis zur dänischen Westküste sind es mindestens 330 Seemeilen (Thyborøn) bis 340 Seemeilen (Hanstholm), je nachdem, welchen Hafen man ansteuert. Da der direkte Weg auch unter günstigen Bedingungen nur graue Theorie ist, gehe ich von rund tatsächlich 350 zu segelnden Meilen in ca. 2 1/2 Tagen (wenn der Wind passt) aus. Mindestens!

Denn die Ansteuerung dänischer Westküstenhäfen ist bei auflandigem Starkwind für kleine Fahrzeuge gefährlich. Im Bereich der Zufahrt ist dann meist mit schweren brechenden Grundseen (also Brandungswellen) zu rechnen, was für eine kleine Segelyacht schnell zur Katastrophe mit Kenterung und Mastbruch führen kann.

Der nautische Almanach REEDS warnt zum Beispiel für Thyborøn wie folgt „Entry can be dangerous in near gale force onshore which cause breaking seas and violent eddies.“

Übersetzt heißt das, dass es spätestens ab auflandigem Wind von Stärke 7 gefährlich wird, wenn sich ein dementsprechender Seegang ausbilden konnte.

Damit ist klar, dass ich vor der dänischen Küste bei Windstärken von 7-8 oder sogar darüber definitiv den Weg um Skagen nehmen muss, was auf jeden Fall einen ganzen weiteren Tag auf See, also ungefähr 3 1/2 Tage, bedeuten würde.

Ich brauche also ein Wetterfenster, das mir möglichst für gut 3 Tage schnelles Segeln erlaubt, ohne zwischendurch einen Sturm abzukriegen.

An Wind mangelt es ja nicht…

Die Wettervorhersagen ändern sich aber zurzeit spätestens für den dritten Tag sehr oft und innerhalb weniger Stunden und das manchmal auch ziemlich radikal.

Insbesondere für die Schlussphase vor der dänischen Küste birgt daher die Einschätzung des Risikos wegen der Instabilität der Wetterlage Unsicherheiten. Geht halt nicht anders.

Ein weiteres Risiko für einen Einhandsegler wie mich ist, ganz anders als auf dem offenen Atlantik, die hohe Verkehrsdichte auf der Route.

Ich habe eine große Anzahl von Ölfeldern mit vielen Plattformen und Versorgungsschiffen zu passieren. Dazu rege Handelsschifffahrt und jede Menge Fischerei.

Ich stelle mich also mental auf eine harte Zeit mit wenig Schlaf ein. Nützt ja nichts…

Allerdings muss ich aufpassen, nicht total zu übermüden und so quasi handlungsunfähig zu werden. Immerhin ist das Segeln bei Starkwind und hoher See besonders kräftezehrend.

Mein Plan: Ich werde den Kurs zunächst grob auf Hanstholm absetzen. So halte ich die Dauer der Überfahrt bei diesen Bedingungen relativ kurz, bewahre mir aber gleichzeitig die Optionen Thyborøn und Skagen, ohne für eine der beiden einen zu großen Umweg machen zu müssen.

In der zweiten Hälfte der Überfahrt kann ich mich dann (Iridium sei Dank) auf Basis aktueller Wetterinformationen entscheiden und zum Beispiel, wenn die Bedingungen es erlauben, Thyborøn anlaufen.

Oder eben, falls notwendig, den Kurs ändern und auf Skagen absetzen.

Außerdem: Bei Nutzung meines bereits im Atlantik bewährten Alarmprofils für das AIS-Gerät plane ich Kurzschlaf-Etappen von maximal 30 Minuten in enger Taktung zur Nachtzeit und ergänzend über den Tag verteilt.

Am Sonntagabend den 6. Oktober scheint es, während draußen vor der Küste mal wieder ein Sturm aufzieht, als würde für die Zeit von Dienstag bis Freitag ein passendes Fenster für mich aufgehen. Südwestwind. Zwar stark, aber mit Windstärke 6-7 noch gut segelbar. Könnte also passen.

Befreundete und nordsee-erfahrene Segler aus Deutschland schreiben mich über WhatsApp an und fragen nach meinen Plänen.

Sie wissen natürlich wo ich bin und haben auch die Wetterlage im Auge. Chancen und Risiken werden abgewogen, Erfahrungen ausgetauscht.

Bei mir erzeugt diese Form der Anteilnahme ein gutes Gefühl und ich habe nicht nur eine weitere Reflexionsmöglichkeit, sondern kriege auf diese Weise nebenbei auch zu wissen, dass von See kommend der südwestliche Sektor der Hafenzufahrt von Hanstholm aktuell wegen einer Baustelle gesperrt ist. Eine sehr wichtige Information, die in meinen an Bord befindlichen Unterlagen noch nicht enthalten ist.

Am nächsten Morgen steht schon wieder ein dickes Fragezeichen hinter meinen Plänen. Es sieht aus, als wäre für Donnerstag/Freitag vor Dänemark schon wieder mit einem Sturm zu rechnen. Shit!

Nachmittags dann schon wieder teilweise Entwarnung. Der Sturm vor Dänemark wird wohl erst Freitag/Samstag eintreffen. Aber kann ich mich darauf verlassen??

Nicht viel Zeit…           

…zwischen zwei Stürmen.

Außerdem ist die Prognose für Dienstag/Mittwoch inzwischen auch ziemlich fett. Die ersten 24 Stunden muss ich mit stabilen 7 Bft. und Böen bis 8 Bft. aus Südwest rechnen.

Hmmm… Diese Vorhersage übersteigt mein selbst gesetztes Limit von 30 Knoten. Andererseits ist die Richtung sehr günstig und langsam wird die Zeit knapp, wenn ich die Reise im Oktober zusammen mit ‚HavLys‘ beenden will. Wenn ich dieses Fenster nicht nutze, dann komme ich in dieser Woche nicht mehr weg.

Ich beabsichtige daher, es am Dienstag Mittag zu wagen, sofern die Vorhersage durchsteht und bereite meine Abfahrt für den nächsten Tag vor.

Final decision tomorrow…

Abends bin ich eigentlich nur zu einer kurzen Stippvisite auf einen Tee zu Gast an Bord der „ITHAKA“. Gus hat Besuch von seiner Freundin Shaheen aus London und plötzlich steht Abendessen auf dem Tisch. Am Ende wird daraus ungeplant ein sehr netter Abend zu dritt.

Die ‚ITHAKA‘ von Gus

Am Dienstagmorgen sieht die Wetterprognose weitgehend unverändert aus, es herrscht große Übereinstimmung zwischen verschiedenen Wettermodellen und ich treffe die Entscheidung, mittags auszulaufen.

Gus, der erkennt, dass ich durch den langen gestrigen Abend ein wenig unter Zeitdruck geraten bin, schwingt sich aufs Fahrrad, um mir letzte Besorgungen abzunehmen und hilft mir auch noch dabei, auf die kleine 16 qm Furling-Fock umzurüsten.

So brauche ich unterwegs zum Reffen des Starkwind tauglichen Vorsegels nicht alleine auf dem Vorschiff zu arbeiten.

Als ich um 12:45 Uhr ablege, stehen Gus und Shaheen bereit und drücken mir zum Abschied noch ein Glas selbstgemachte Marmelade, liebevoll dekoriert und mit guten Wünschen für die Reise auf dem handgeschriebenen Etikett, in die Hand.

Ich bin gerührt, kann den Augenblick aber trotzdem nicht richtig genießen. Zu sehr konzentrieren sich meine Gedanken bereits auf die bevorstehende Etappe.

‚Peterhead Ports‘ gibt mir über VHF die Genehmigung zum Auslaufen und ich setze vor der Marina die Segel.

Das Groß tief gerefft und mit der 16 qm Fock geht es hinaus auf die Nordsee.

Windstärke 7 ist mit diesem Setting, wie ich aus Erfahrung weiß, gut zu segeln.

Wind ist reichlich vorhanden und vorbei an diversen Fischkuttern, die zum Teil heftig in der See rollen und einem Windpark preschen wir immer weiter hinaus auf die offene Nordsee.

Doch mit jeder Meile, die wir Richtung Osten segeln, nimmt der Wind zu und kaum eine Stunde nach dem Auslaufen ist ‚HavLys‘ definitiv überpowert.

Ich rolle die Fock bis zur Hälfte ein.

Alter! Das ist jetzt schon fast Sturmbesegelung und die prognostizierten Windböen von 8 Bft scheinen eher die Regel als die Ausnahme darzustellen. Wind und Wellen kommen mit viel Druck schräg von Steuerbord achtern.

‚HavLys‘ jedenfalls macht, jetzt wieder gut balanciert, mit dieser kleinen Segelfläche noch immer satte 7 Knoten Fahrt.

Ehrlich gesagt, habe ich bei dieser ganzen Aktion ziemlich gemischte Gefühle. Mal wieder. Schwanke irgendwo zwischen 70 % Attacke-Modus und 30 % mulmiges Gefühl. Etwas Schiss ist wohl auch dabei. Immerhin kann aus einer Wettervorhersage wie dieser im wirklichen Leben schnell mal Windstärke 8 Mittelwind mit Böen von 9 Bft. oder sogar mehr werden.

Ich spreche mir daher selbst ein wenig Mut zu:

Wir kriegen das hin! Ist ja nicht das erste Mal…

Und:

Also, das Gute an diesem ganzen Traffic hier ist ja, dass, wenn wir ein richtig großes Problem bekommen sollten, immer viele Fahrzeuge zur Hilfeleistung in der Nähe sind.

Und:

In dieser Ecke und bei diesem Mistwetter bin ich, anders als in den Gewässern vor Madeira, wenigstens einigermaßen sicher vor anderen Seglern, die kein funktionierendes AIS an Bord haben.

Bei dieser letzten Einschätzung habe ich allerdings, wie sich später noch herausstellen wird, die Rechnung ohne die dänischen Fischer gemacht…

Der Wind hält sich auf diesem Niveau und nimmt zum Glück nicht noch weiter zu. Noch am selben Abend notiere ich im Logbuch „Gelegentlich sehr hohe (5m?) brechende Seen… HavLys kommt da ziemlich gut mit klar. Beschleunigt rechtzeitig und hält das Heck afloat…“

Dazu ist zu sagen, dass die Seen zum Glück nicht brutal und in ganzer Höhe brechen. Das wäre echt übel. Es ist eher der Wellenkamm, der da manchmal bricht. Mir reicht das aber vollauf. Mehr brauche ich nicht.

Außerdem echt beruhigend, dass sich mein Boot mit dem Windpiloten an der Pinne bei diesen Bedingungen so gelassen schlägt!

Die ganze Nacht hindurch passieren wir Ölfelder mit riesigen Plattformen. Im Dunkeln sehen sie wie hell erleuchtete Hochhäuser aus. Der AIS-Alarm schlägt oft an und der Bildschirm ist voll von Targets. Doch ich muss meinen Kurs nur gelegentlich ändern, um den Plattformen nicht zu nahe zu kommen. Die Schiffe kommen mir selten in die Quere bzw. ändern, meinem aktiven AIS sei Dank, von allein ihren Kurs. Nur zweimal ist eine kurze Manöverabsprache über VHF erforderlich.

Nachts viel Verkehr…

Am nächsten Morgen kriege ich mit der aufgehenden Sonne den uns umgebenden Seegang zu sehen und bin einmal mehr ziemlich beeindruckt. Ich denke:

Boooah, sind das Dinger, die da auf uns zurollen!!

Während der Dunkelheit hatte ich mich an die Bewegungen des Bootes gewöhnt und war nicht mit dem Anblick der Seen konfrontiert.

Während der mittlere Seegang etwa 2,5 – 3 m Höhe hat, kommen mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder Wellensets, die bei vorsichtiger Schätzung locker doppelt so hoch sind, schräg von Steuerbord achtern auf. Und mit dem Tageslicht fühlt man sich dann plötzlich im Wellental verdammt klein, wenn da so ein Wasserberg auf einen zurollt.

Zum Glück brechen die Wellenkämme nur selten in unmittelbarer Nähe. Aber manchmal passiert das eben doch und dann jeweils mit einem wahnsinnigen Getöse. Was für ein Lärm!

Mehrfach bin ich währenddessen gerade unter Deck und ziehe unwillkürlich den Kopf ein, halte mich fest und rechne mit allem…

Wenn ich ins Cockpit klettere, dann klicke ich mich bereits vor den Ausstieg außen mit der Lifeline ein.

Die Türen zum Niedergang halte ich, wenn ich nicht gerade durchklettere, während der ersten zwei Tage komplett geschlossen. Zu groß erscheint mir das Risiko, dass uns unvermittelt ein Brecher das Cockpit überspült.

Aber das passiert zum Glück nicht.

Mittags um 12:45 Uhr, also genau 24 Stunden nach dem Auslaufen, haben wir lt. Tracker bereits 163 Seemeilen zurückgelegt. 6,8 Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit sind das! Im Surf die höheren Wellen herunter stehen immer mal wieder kurzfristig 10-11 Knoten auf der Uhr. Nicht schlecht für so wenig Segelfläche und ein älteres 30 Fuß Boot, denke ich. Das verspricht, eine sauschnelle Reise zu werden.

Etwa um diese Zeit nimmt allerdings auch der Wind ab. Nachmittags sind es nur noch 5-7 Windstärken und ich reffe die Fock wieder aus.

Am nächsten Morgen staune ich nicht schlecht, als gegen 06 Uhr mein Wecker klingelt und ich mich nach 30 Minuten Kurzschlaf mal wieder aufrappel, um den Routinecheck an Deck zu machen.

Nicht mal eine Meile voraus sehe ich die Positionslichter eines Trawlers. Hä? Wieso schlägt das AIS nicht an?

Ich checke das Gerät, probiere verschiedene Überwachungsbereiche. Mein AIS ist offensichtlich in Ordnung und ich sehe aber da, wo der Fischer sein sollte, trotzdem kein Target auf dem Bildschirm. Ich ändere meinen Kurs etwas und wenige Minuten später passieren wir den Kutter von ca. 25 m Länge, der mit langsamer Fahrt fast auf Gegenkurs trawlt, in dichtem Abstand von etwa 0,1 Meilen. An Deck oder auf der Brücke ist kein Mensch zu sehen. Mein Ruf über den VHF Anrufkanal 16 bleibt unbeantwortet.

Für mich bleibt nur die Schlussfolgerung, dass die Fischer ihren AIS-Sender ausgeschaltet haben. Das machen manche von ihnen (leider) offenbar noch immer gelegentlich, weil sie vor ihren Kollegen möglichst geheim halten wollen, wo sie gerade fischen.

Und ihren AIS Empfänger scheinen diese Jungs hier aber auch nicht zu überwachen, sonst hätten sie ja wenigstens auf meine Annäherung aufmerksam werden müssen.

However, in diesem Fall war ich als Segler klar ausweichpflichtig und im Falle einer Kollision hätte ich nicht nur mindestens einen Riesenschaden, sondern auch definitiv den größten Teil der Schuld zu tragen gehabt.

Puuuha….

Mit dieser Erfahrung im Gepäck verfestigt sich endgültig der Gedanke, eine weitere Nacht auf See tunlichst zu vermeiden und, wenn irgend möglich, nach Thyborøn einzulaufen.

Man sollte sein Glück eben auch nicht überstrapazieren.

Zu groß erscheint mir das Risiko einer Kollision, wenn ich hier mit Fischern rechnen muss, die bei abgeschaltetem AIS fischen und keine ordentliche Brückenwache gehen…

Der Rest des Tages verläuft wenig spektakulär, wenn man von heftigsten Regengüssen und tollen Regenbögen einmal absieht.

Der Wind hat inzwischen weiter abgenommen, ist sehr böig und ich habe inzwischen auch das Großsegel nach und nach vollkommen ausgerefft.

Allerdings kommen immer noch vereinzelt sehr hohe Wellen vor.

Kurz nach 16 Uhr Bordzeit funke ich Thyborøn Harbor auf VHF an „…small 30 foot SY ‚HavLys‘ approaching, ETA in around two hours…“ und frage nach, ob ich vor Ort bei der Ansteuerung der Zufahrt mit brechenden Wellen zu rechnen habe.

Hintergrund meiner Anfrage ist, dass man brechende Wellen an einer Leeküste von See kommend nur äußerst schwer erkennen kann, weil von hinten das weiße Wasser kaum zu sehen ist.

Meist wird man erst darauf aufmerksam, wenn man schon mitten im Schlamassel steckt und es für ein Abdrehen zu spät ist.

Mein Gesprächspartner von der Port Authority hält sich aber bedeckt:

„I can tell you a lot about the harbour, but I’m not going to give advices about the sea….“

Nach kurzer Pause fügt er hinzu: „When I look out of the window, there are some big waves“.

Hmm. Ich erkenne sein Problem und mache deutlich, dass ich gerade über die Nordsee von Schottland komme, also grundsätzlich keine Angst vor Wellen habe und schon gar nicht nicht meine Verantwortung als Skipper auf ihn abwälzen will, aber trotzdem seine Einschätzung zu gefährlich brechenden Wellen brauche.

Die Antwort fällt erneut zurückhaltend aus:

„I don’t know, what you can…“

Da schaltet sich eine andere Funkstelle, offenbar ein Fischer, in das Gespräch ein und meint, dass ich das Anlaufen ruhig riskieren kann. Ich soll mich nur möglichst weit Steuerbord in der Nähe der Mole halten. Dort wäre es etwas besser.

Ich bedanke mich und werfe kurz darauf den Diesel an, weil der Wind immer weiter abflaut. Auch wenn ich es eigentlich anders wollte. Jetzt ist keine Zeit mehr für Spielchen und falschen Ehrgeiz, ganz auf Motoreinsatz zu verzichten. Sicherheit hat Priorität. Ich hoffe, die Limfjord Zufahrt noch bei Tageslicht zu erreichen.

Daraus wird aber nichts. Unter Motor schaffe ich bei leichtem Gegenstrom gerade mal 5 Knoten über Grund. Als ich nach 18 Uhr vor der Zufahrt zum Limfjord stehe, ist die Sonne bereits untergegangen und es ist beinahe dunkel. Zum Glück ist die Ansteuerung gut befeuert.

Die See hat sich weiter beruhigt und nur ein einziges Mal bricht kurz vor dem Ziel hinter uns eine höhere Welle, die mit weißem Wasser unter uns durchläuft, während wir für kurze Zeit auf ihr reiten. Ich steuere inzwischen natürlich von Hand, während der Diesel läuft, halte das Heck in die See und ‚HavLys‘ bleibt steuerfähig. Alles gut.

Nach Passieren der Außenmole, die über den Sandstrand in die Brecherzone hinausführt, und mit Erreichen der ersten grünen Fahrwassertonne bin ich gegen 18:30 Uhr Bordzeit (19:30 Uhr Lokalzeit) endgültig im ruhigen Wasser, also in Sicherheit, angelangt. Jetzt habe ich diese Überfahrt sozusagen ‚im Sack‘.

Erst jetzt löst sich auch die Anspannung und ich erlaube mir einen Jubelschrei an Deck, während ich mich anschicke, das Großsegel zu bergen: „YEEEHHAAA!“

Laut Plotter-Track liegen 351 Seemeilen hinter uns. Gesegelt ziemlich genau in 2 Tagen und 6 Stunden. Trotz zum Ende hin abflauender Winde war das eine verdammt schnelle Reise!

‚HavLys‘ hat einmal mehr bewiesen, dass sie für ihr Alter und ihre geringe Größe ein ziemlich schnelles und vor allem seetüchtiges Boot ist.

Im ziemlich menschenleeren Hafen angekommen bereite ich mich gerade auf ein einsames Anlegemanöver vor, als ein Auto angefahren kommt und anhält.

Als ich dann auf einen Liegeplatz zuhalte, steigt der Fahrer aus und nimmt meine Bugleinen an.

Feiner Zug, denke ich noch, als er mich zur Begrüßung fragt: „Are you not a little bit late in the saison?“ An seiner Sprechweise erkenne ich meinen Funk-Gesprächspartner von der Port Authority wieder und wir haben einen netten kleinen Klönschnack über meine Tour und unser Funkgespräch (warum ein Hinweis so wichtig war, seine Probleme mit einer Auskunft und den Fischer, der glücklicherweise eingesprungen ist).

Bei der Gelegenheit erfahre ich auch, dass der Sportboothafen eigentlich seit einer Woche bis zum nächsten Frühjahr geschlossen ist.

Vorteil: Keine Liegegebühr. Meine Freude darüber ist aber nur von kurzer Dauer. Denn der Nachteil ist erheblich: Kein Zugang zu den Sanitärräumen, kein Strom.

Naja, erstmal bin ich froh, heil angekommen zu sein und gönne mir ein gepflegtes Einlaufbier während ich im Cockpit sitzend die herbstliche Stille dieses Abends genieße.

Meine Gefühlslage? Eine Melange aus unbändiger Freude, Stolz und Dankbarkeit.

Auf meinem Handy laufen bereits die ersten Glückwünsche von Friends and Family auf. Also den Menschen, die mich auf meiner Tour immer wieder von zu Hause aus via AIS und Internet begleitet haben.

Ein tolles Gefühl, diese Reise mit so Vielen teilen zu können!

Kurzum: Mir geht es, trotz meiner Müdigkeit, saugut!!

Fest in Thyborøn

Am nächsten Morgen mache ich gleich um die Ecke öffentliche Toiletten und sogar eine Dusche ausfindig. Okay, nicht gerade eine luxuriöse Spa Zone, aber immerhin einigermaßen sauber und warmes Wasser in unbegrenzter Menge zum Nulltarif. Ich mache gleich mal 1000 Meter Streckenduschen… Herrlich! Mehr brauche ich nicht zum Wohlfühlen. 🙂

Nach einem Tag Ruhepause setze ich am Samstag, den 12. Oktober meinen Weg fort.

Der am Wochenanfang angekündigte Sturm (ihr erinnert euch noch an die Erwägungen in Peterhead!?) ist als stürmischer Wind eingetroffen und draußen vor der Küste wird die Nordsee seit dem frühen Morgen von Windstärke 7 – 9 aufgepeitscht. Ich dagegen kann ja im geschützten Limfjord bleiben und habe daher kein Problem damit, am frühen Nachmittag, nachdem ich mich nochmal ordentlich ausgeschlafen habe, auszulaufen.

Ich will den Fjord gerne zügig hinter mich bringen und segle in den späten Abend hinein, bis ich in Lee der Insel Fur, als der Wind längst zu einer leichten Brise abgeflaut ist, an einer Mooringboje festmache.

Der westliche und insbesondere der mittlere Limfjord ist übrigens ein sehr schönes Segelrevier. Etwas, was man von dem östlichen Teil, insbesondere ab Aalborg Richtung Ostsee, aus meiner Sicht nicht mehr sagen kann.

Der zweite Tag ist weitestgehend schwachwindig, also muss der Motor wieder mal ran. Das läuft auch zunächst ganz gut. Das Timing bei den drei Klappbrücken, die ich noch zu passieren habe, klappt hervorragend und so freue ich mich, schon um 16 Uhr beide Aalborger Brücken hinter mir zu wissen. Ab hier habe ich quasi freie Bahn bis in die Ostsee.

Mein Ziel ist für heute der Sportboothafen von Hals an der Küste zum Kattegat.

Läuft ja super, denke ich noch… Bis mir eine gute Stunde später auffällt, dass die Kühlwassertemperatur des Dieselmotors allmählich ansteigt. Hmmm… Ich nehme erstmal etwas Gas weg und tucker langsam weiter. Ab jetzt immer mit einem Auge auf die Temperaturanzeige.

Doch gegen 18 Uhr hilft auch langsam fahren nicht mehr, ich muss den Diesel wegen Überhitzung abstellen, um nicht einen kapitalen Motorschaden zu riskieren.

Es wird inzwischen langsam dunkel, regnet in Strömen, der Wind kommt aus südöstlichen Richtungen (also für mich von vorne) und brist zunehmend auf.

‚HavLys‘ treibt erstmal antriebslos auf dem Fjord, der hier eher einem Flußlauf mit einem vergleichsweise schmalen betonnten Fahrwasser ähnelt. Zum Glück herrscht zurzeit wenig Verkehr.

„Mist!!“ fluche ich und schieße unter Deck, um auf die Schnelle die Ursache für die Überhitzung zu finden.

‚HavLys‘ verfügt über zwei Kühlkreisläufe für den Diesel. Einen äußeren Kreislauf mit Seewasser und einen geschlossenen inneren Kreislauf mit Frischwasser.

Schnell wird mir klar, dass die elektrisch betriebene Strömungspumpe für den inneren Kreislauf nicht mit der notwendigen vollen Drehzahl arbeitet. Sobald ich am Kabel biege, drücke oder ziehe, ändert sich die Pumpendrehzahl.

Jedesmal, wenn die Drehzahl wieder normal hoch ist und ich das Kabel loslasse, fällt sie gleich wieder ab. Und zu niedrige Drehzahl heißt im Ergebnis zu niedrige Strömungsgeschwindigkeit im Kreislauf, so dass der Motor seine Wärme nicht mehr richtig abgeben kann.

Hmm… Und nun? Was ist jetzt am besten zu tun?

Vielleicht erstmal ankern, denke ich. Den Motor abkühlen lassen und versuchen, die Pumpe und damit auch den Motor wieder flott zu kriegen!?

Noch während ich daran denke, wird über VHF auf Kanal 16 eine Sturmwarnung von Lyngby Radio angekündigt. Das fehlte ja gerade noch… denke ich mir und rufe meine Wetter-App auf dem Smartphone auf.

Was ich da sehe, ist nicht gerade witzig. Für die Nachtstunden ist ein kleines sehr intensives Sturmtief angekündigt, das an der dänischen Nordseeküste für Orkanböen sorgen und für das westliche Kattegat immerhin noch Böen bis Windstärke 10 bringen soll.

DAS GIBT’S DOCH NICHT!! Das glaubt mir doch wieder keiner…

Tatsächlich fühle ich mich gerade wie ein Kandidat in einer Art großem Bullshit Bingo Spiel…

Oder als würde im Himmel der liebe Gott oder sonst wer seinen Spaß daran haben, mir ein paar zusätzliche Herausforderungen wie Knüppel zwischen die Beine zu werfen.

Ankern ist jetzt auch keine Option mehr. Der Wind hat schon jetzt weiter zugenommen und ich könnte mich vor Anker im Fjord bei Sturm ohne Unterstützung des Dieselmotors niemals halten.

Zurück nach Aalborg geht auch nicht. Der erste für uns geeignete Hafen liegt westlich der Klappbrücken, die später am Abend nicht mehr öffnen. Viel zu riskant, da zu spät einzutreffen.

Also muss ich die Segel setzen und in dem engen Fahrwasser gegen den Wind und gegen die Strömung den ganzen Weg bis Hals, also quasi bis zur Ostsee, aufkreuzen. Eine andere Alternative ist nicht in Sicht.

Gedacht, getan… Ich nehme meine Lage als sportliche Herausforderung an und setze mit etwas trotzigem Gefühl die Segel.

Okay, jetzt eben die Zähne zusammen beißen. Das kriegen wir auch noch hin…

Zwischendurch muss ich aber auch fast lachen. So absurd kommt mir die Situation vor.

Knapp drei Stunden später, es ist jetzt gegen 21 Uhr, habe ich endlich Hals erreicht.

Der Himmel ist komplett dunkel, die Sicht ist schlecht, es regnet weiter in Strömen und der Wind weht mittlerweile mit guten 20 Knoten aus Südost.

Außerdem steht auch wieder etwas Seegang, der hier aus Richtung Ostsee hineinläuft.

Noch bin ich weit davon entfernt, im sicheren Hafen zu liegen.

Mein Problem:

Mein Motor ist zwar inzwischen wieder etwas abgekühlt, aber die Kühlwasserpumpe ist weiter unklar. Ich kann also nur für kurze Zeit (vermutlich nur wenige Minuten) auf den Motor zurück greifen, bis dieser wieder überhitzt.

Dazu bin ich alleine, es herrschen üble Bedingungen und ich kenne den Hafen, abgesehen von einem Plan in meinen nautischen Unterlagen, nicht. Helfende Hände brauche ich dort um diese Zeit und in diesem Wetter jedenfalls nicht erwarten.

Einlaufen und Anlegen unter Segel würde unter diesen Vorzeichen mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Schäden enden.

Also muss der Diesel ran. Dabei muss aber das erste Anlegemanöver sitzen. Sonst droht ein Motorschaden.

Mein Plan:

Vor der Hafeneinfahrt Segel bergen, Leinen bereit legen, Dieselmotor starten und schnell einlaufen. In dieser Reihenfolge. Auf Fender verzichte ich erstmal. Sie wären mir nur hinderlich.

Beim ersten Versuch sind wir bereits nach dem Bergen der Segel durch Wind und Strom viel zu weit von der Hafeneinfahrt weggetrieben worden.

Ich rolle das Vorsegel wieder aus, segle wieder nach Luv in Richtung Hafen und bringe das Boot schließlich in eine Position in Luv zur Zufahrt.

Doch als endlich die Leinen an Deck bereit liegen, sind wir schon wieder zu weit nach Lee vertrieben, um es von hier riskieren zu können, den Diesel anzuwerfen.

Also noch einmal Leinen an Deck sichern, Segel raus und wieder gegen Wind, Strom und Wellen aufkreuzen.

Diesmal lasse ich auf dem letzten Schlag die Windfahne steuern, während ich an Deck die Leinen wieder fürs Anlegen vorbereite.

Diesmal muss es klappen!

Kurz vor der Hafenzufahrt berge ich das Vorsegel und werfe den Diesel an.

Ein Blick auf die Temperaturanzeige drängt zur Eile. Schon wieder über 80 Grad.

Das wird knapp…

Ich halte auf das Hafenbecken mit den engeren Liegeplätzen zu und erkenne unmittelbar vorne an Backbord in Luv eine freie Box.

Sofort nehme ich Gas weg und lege hart Ruder. Das Boot dreht schnell ein, der Bugkorb schrammt mitten in der Drehung an dem hölzernen Steuerbord Dalben entlang und das Boot rutscht in die Box. Passt!

Der Rest ist Routine. Schnell Heckleinen rüber, Vorleinen fest. Als ich den Motor abschalte, steht die Anzeige kurz vor 100 Grad. Aber es ist alles heil geblieben.

Boooah, das war mal wieder ne enge Kiste…!!

Klingt etwas übertrieben? Könnte ich sogar verstehen. War aber genau so!

Außerdem habe ich gewissermaßen einen Kronzeugen.

Kaum bin ich im Hafen fest, trifft nämlich schon eine WhatsApp Nachricht von Michael Rampf, seines Zeichens erster Vorsitzender meines Segelclubs YCLL, der meine Reise von Anfang an interessiert verfolgt hat, ein: „Gratuliere geschafft! Ich habe gerade ‚mitgelitten‘, wie du gegen den Querstrom vor Hals gekämpft hast…“

Er hatte zufällig von zu Hause meine Position via AIS und Vesselfinder gecheckt, während ich gerade dabei war, aufzukreuzen und hatte sich schon gefragt, was da bei mir wohl los ist.

Nachts ziehen tatsächlich sehr heftige Sturmböen durch, während ich es genieße, mich im sicheren Hafen zu wissen.

Für den nächsten Tag stehen Ausschlafen und Pumpenreparatur auf dem Programm.

Nachdem ich die Kühlwasserpumpe demontiert habe, kann ich mich davon überzeugen, dass sie physikalisch vollkommen in Ordnung ist.

Das Problem ist tatsächlich rein elektrischer Natur. Es gelingt mir, das Kabel mit der Zange ein deutliches Stück in das versiegelte Gehäuse des E-Motors hineinzuschieben und anschließend scheint der Kontakt wieder stabil zu sein.

Jedenfalls kann ich den Motor zur Probe zwei volle Stunden unter Last laufen lassen, ohne dass er wieder überhitzt. Das sollte jetzt bis nach Hause klappen, denke ich mir.

Am 15. Oktober werfe ich mittags die Leinen los, um auf der Ostsee mit Südkurs Richtung Heimat zu segeln. Jetzt sollte es doch endlich mal wieder ohne größere Aufreger voran gehen. Mein Ziel ist Grenaa.

Die ersten 5 Stunden komme ich recht gut unter Segel voran, doch kurz nach 18 Uhr schläft der Wind ein und ich starte den Diesel.

Ungefähr 2 Stunden später fällt mir auf, dass die Kühlwassertemperatur wieder ein kleines bisschen angestiegen ist. Oder täusche ich mich da vielleicht nur?

Bitte nicht schon wieder… denke ich und nehme etwas Gas weg.

Zwei weitere Stunden später gibt es keinen Zweifel mehr. Der Motor wird langsam aber sicher immer wärmer… Ich reduziere die Motordrehzahl noch weiter aber es hilft nichts.

Um 23:30 Uhr bin ich, keine halbe Meile vom Sportboothafen Grenaa entfernt, erneut gezwungen, den Motor wegen Überhitzung abzustellen.

Ich kann es nicht fassen und könnte fast platzen. So dicht vor dem Ziel! Verdammt!

‚HavLys‘ treibt in totaler Flaute auf der spiegelglatten Ostsee. Zum Glück ist das Wetter ruhig. So haben wir wenigstens Zeit. Allerdings kommen wir ohne Wind und ohne Motor praktisch keinen Meter voran.

Mir gelingt es aber, der Pumpe wieder etwas Leben einzuhauchen und ich starte den Motor erneut. Im Standgas ‚humpeln‘ wir langsam in den gespenstisch leeren Hafen.

Am nächsten Morgen stelle ich fest, dass dieser Hafen ebenfalls schon das Saisonende eingeläutet hat. Hafenmeisterbüro und Sanitärräume sind geschlossen. Nebliges Grau liegt über leeren Stegen, einige wenige Boote warten verlassen im Wasser auf das Winterlager und wir mitten drin.

Ich nehme ich mir die Pumpe erneut vor und kriege das Problem noch einmal soweit in den Griff, dass der Motor am Liegeplatz für längere Zeit unter Last laufen kann, ohne seine Solltemperatur zu überschreiten.

Mir ist aber spätestens seit dem gestrigen Abend klar, dass ich dieser Pumpe nicht mehr trauen kann und ich den Motor ab jetzt nur noch für kurze Zeiten einsetzen werde.

Am späten Vormittag hält mich hier nichts mehr und ich werfe die Leinen los. Weiter geht es mit Kurs Süd…

Die weitere Reise über Tunø und durch den kleinen Belt in Richtung Heimat verläuft ohne große Zwischenfälle, wobei ich den Einsatz des Diesels soweit wie irgend möglich vermeide.

Naja, der Wind kommt fast nur von vorne oder meldet sich gelegentlich auch mal unverhofft ganz ab, was dann schon mal an meinen Nerven nagt, wenn es nicht wie erwartet voran geht.

Und okay, Freitag, den 18. Oktober gibt es kurz vor dem Als-Fjord noch einen auf den Deckel durch eine heftige Gewitterfront.

Außerdem ereignet sich, als ich spätabends in Sonderburg ankomme, noch einmal eine etwas abenteuerliche Episode mit Abbruch eines Anlaufversuchs in die Sonderburg Marina an der Flensburger Förde. Der Hafen ist bei steifer Brise und ruppigem Seegang mit vollkommen unbefeuerten Molen optisch fast unsichtbar, wie ich erst wenige Meter vorher realisiere und offensichtlich ebenfalls schon im Winterschlaf.

Das anschließende Anlegemanöver nach Rückkehr in den Stadthafen ist denn auch bei starken Böen eines der schwierigeren dieser Reise.

Aber gemessen daran, was nun schon alles hinter uns liegt, ist das eben doch keine richtig große Sache mehr. Und jetzt bin ich sozusagen schon fast zu Hause…

Morgen, also am Samstag, den 19. Oktober, werde ich in meinem Heimathafen Langballigau erwartet. Meine Freundin Britta wird dort gemeinsam mit Freunden aus dem Yachtclub Langballigau (YCLL) auf mich warten. Soviel ist schon klar.

Und ich freue mich schon auf das große Wiedersehen!

Mir wurde dezent zu verstehen gegeben, dass ich mich nicht zu sehr beeilen soll und eine Ankunft gegen 16 Uhr vollkommen ausreichen würde.

Kein Problem für mich. Ausschlafen und in Ruhe den Vormittag vertrödeln kann ich gut.

Als ich dann Samstag Nachmittag gemütlich gegen eine leichte Brise in Richtung Langballigau aufkreuze, erspähe ich auf halbem Weg plötzlich die ‚LaFe‘, ein bekanntes Boot.

Ich halte darauf zu und erkenne an Bord zwei Frauen, eine davon ist Britta, die andere ist Susi, die Bootseignerin. Wie schön!!

Dann kommt auch noch die ‚Lille Scampi‘ mit Crew auf.

Zu dritt segeln wir ein Stück, bis uns nacheinander noch die ‚Calle Strömer‘, die ‚South Carolina‘ und die ‚Cap‘ entgegenkommen und sich in unser Geschwader einreihen.

Whow, ich habe Gänsehaut!

Begleitet von fünf (!) Booten treffen ‚HavLys‘ und ich also vor dem Hafen ein, als meine Begleiter, genauso wie die Crew der ‚Guste‘, die vor dem Hafen ankert, noch einmal aus Leibeskräften mit ihren Signalhörnern tröten. Wie geil!!

Doch damit nicht genug. Im Hafen wird ein freier Liegeplatz für mich bereit gehalten, geschmückt mit einem bunten Schriftzug „WELCOME HOME RALF“ und während ich einlaufe, sehe ich eine Menge Menschen am Steg und wieder schallen mir Tröten und Pfiffe, gepaart mit Rufen, Gelächter und Applaus entgegen.

Ich bin total baff! Einfach überwältigt! Kaum sind die Leinen fest, springe ich von Bord und umarme gleich spontan jeden, der da herumsteht. Ehrlich gesagt bin ich so überfordert, dass ich Britta anfangs glatt übersehe. Peinlich, peinlich…

Naja, zum Glück trägt sie es mit Fassung und wir können gemeinsam mit Freunden bei Sekt, Bier und bester Laune auf meine Rückkehr und die gelungene Reise anstoßen.

Momente, die im Kopf und im Herzen bleiben werden. Mal wieder…

Die erste Nacht im Heimathafen verbringen Britta und ich noch an Bord. Ich brauche nach so vielen Monaten auf dem Boot erstmal ein wenig Zeit, um richtig anzukommen.

Tatsächlich dauert es auch danach noch eine gute Woche, bis ich mich wieder richtig in meiner hübschen Flensburger Altbauwohnung zu Hause fühle.

Ich habe wirklich während der ganzen Zeit auf meinem Törn nichts davon vermisst.

Eine weitere wichtige Erfahrung für mich!

 

 

Zum guten Schluss noch eine kleine Bilanz:

Ich habe auf dieser Reise in 5 1/2 Monaten insgesamt 6373,5 Seemeilen geloggt.

Davon ein klein wenig mehr als die Hälfte als Einhandsegler. Wobei ich beides genossen habe. Die Zeiten mit Crew und auch die Zeiten, in denen ich allein unterwegs war…

Außerdem freue ich mich darüber, dass es mir gelungen ist, die Seestrecken zu über 90 % ausschließlich segelnd, also ohne Einsatz des Motors, zurückzulegen.

 

 

 

Ja, und nun ist das alles schon einen ganzen Monat her und ich bin schon wieder fest im Alltag verankert. Okay, sagen wir mal relativ fest…

Die Erinnerungen sind halt noch sehr präsent.

Oft geschieht es ganz plötzlich und ich höre förmlich das schwere Rumpeln brechender Wellen, rieche die See. In solchen Momenten habe ich dann immer ein Lächeln im Gesicht…

Würde ich solch eine Reise noch einmal machen? Ratet mal…

 

Klar! Jederzeit!!

 

 

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