From Baltimore/Ireland to Peterhead/Scotland – oder wenn ein Highlight das nächste jagt…

von Ralf Kock am 08.10.2019 / in Allgemein
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Peterhead an der schottischen Nordseeküste am 7. Oktober 2019. Hinter mir liegen mehr als 5 Wochen, die es einmal mehr in sich hatten. In vielerlei Hinsicht. Nie hätte ich zum Beispiel gedacht, wie verschieden die keltische See und die irische See voneinander sind. Und dann die vielen tollen Menschen auf dem Weg, die inneren Hebriden mit hinreißender Landschaft, der Kaledonien Kanal und schließlich die Nordsee, das alte Biest..

Aber der Reihe nach. Rückblende nach Baltimore/Irland, Ende August.

Wir haben uns etwas erholt und machen uns auf den Weg, die irische Küste zu cruisen. Daysailing, also easy going, fast wie Ostsee…

So zumindest hatte sich Britta das nach dem aufregenden Atlantik-Törn vorgestellt, wie sie mir später sagte. Meine Erwartungen sahen da schon etwas anders aus und, nun ja,… ich sollte auch nicht enttäuscht werden…

Das ging schon gleich auf den ersten 50 Meilen bis Kinsale los.

Schon kurz nach dem Auslaufen frischt der Wind auf und ein starker Südwest schiebt uns die Küste entlang. Böen mit 25-30 Knoten lassen Langeweile gar nicht erst im Ansatz aufkommen. Die See lässt sich ebenfalls nicht lumpen und geht ganz schön hoch. Dazu Riffe und rauhe Felseninseln mit scharfen Spitzen, die wie Drachenzähne aus tosender Brandung ragen.

Und: Immer wieder ganze Trupps von Delfinen, die uns umspielen. Von allen Seiten jagen und springen sie um das Boot herum, so dass wir oft gar nicht wissen, wo wir zuerst hingucken sollen.

Den ganzen Tag über Adrelanin und Dopamin. HAMMER!!!

 

 

 

Die Ansteuerung von Kinsale läuft am Abend ohne Probleme, nachdem wir die Wasserturbulenzen am Old Head of Kinsale im weiten Bogen umfahren haben.

Für Britta hat das hier eine besondere Bedeutung, stand sie doch im letzten Jahr während ihres Urlaubs mit ihrer Freundin genau hier auf der Festung in der Zufahrt und hat verträumt einen einlaufenden Segler verfolgt. Heute ist sie diejenige, die hier einläuft…

Die kleine Stadt ist im wahrsten Sinne des Wortes sehr malerisch mit ihren vielen kunterbunten Häuserfassaden. Seht selbst:

 

Wir bleiben noch übers Wochenende hier und stürzen uns Samstag in das Nachtleben. Pubs mit Livemusik sind das Ziel und genau das kriegen wir auch geboten. Ich bin angenehm erstaunt darüber, wie anders das hier im Vergleich zu Norddeutschland zugeht.

Bei uns ist es ja eher so, dass die verschiedenen Generationen in den öffentlichen Lokalen eher weniger zusammen feiern. U 25 bleibt in der Disco meist lieber unter sich und dann kommt nochmal die größere Gruppe von Ü 30 bis U 50 (naja, vielleicht auch 60) mit einer gewissen Vermischung zusammen. Noch ältere Leute sieht man fast gar nicht auf der Piste…

In Kinsale scheint es uns, als feiern jeden Samstag alle von 18-80 gemeinsam zur Live Musik in den Pubs. Junge aufgebrezelte Ladys aus dem Lager U 25 im Abendkleid und High Heals ebenso wie in Jeans und T-Shirt. Daneben natürlich auch jede Menge Jungs, Männer und Frauen aller anderen Altersgruppen. Wirklich aller!

Schräg hinter mir im krachvollen Pub sitzt ein Opi von mindestens 75 Jahren mit Jeans, kariertem Hemd und mit gerade noch drei Zähnen im Mund auf dem Barhocker, wippt im Tackt zu der dröhnenden Folk- und Country Musik und amüsiert sich prächtig. Neben ihm Omi, vermutlich seine Frau. Und sie sind heute Abend nicht die einzigen aus dieser Altersklasse in diesem Laden. Auf dem Dancefloor geht es auch ziemlich ausgelassen zu.

Die gute Stimmung steckt an und wir kommen auch allmählich in Fahrt, obwohl uns doch noch immer der Atlantik Törn spürbar in den Knochen steckt…

Die nächsten beiden Etappen führen uns nach Youghal und Kilmore Quay.

Beide Male wieder mit viel Wind, hohen Wellen und ordentlich Erlebnisgehalt.

Wir haben Springtide und können in Youghal nicht festmachen, weil wir bei Niedrigwasser auf Grund sitzen (bzw. stehen) würden. Keine gute Sache mit einem relativ kurzen Finnkiel, wie ihn HavLys hat.

Also ankern wir im tieferen Wasser des River Blackwater und ich stelle ein ziemlich verblüffendes Phänomen fest: Trotz über 4 Knoten Ebbstrom kommt auf unser Ankergeschirr praktisch kein Zug. Im Gegenteil, wir liegen nach Steuerbord versetzt neben der normalen Zugrichtung des Ankergeschirrs, das an Backbord seitlich eine Art losen Bogen beschreibt. Der Wind kann es nicht sein, denn der hat sich vorübergehend verabschiedet.

Morgens bei Flut liegen wir dann umgekehrt nach Backbord versetzt im harten Strom, während das Geschirr lose seitlich nach Steuerbord heraushängt, ohne dass wir etwas an Ruderlage oder Anschlagpunkt verändert haben. Richtig spuky – mir will dazu einfach keine schlüssige Erklärung einfallen…

Die Etappe nach Kilmore Quay ist dann auch nicht von schlechten Eltern. Wenige Stunden vor unserer Ankunft kentert der Tidenstrom und kommt genau von vorne, während wir inzwischen wieder bei Böen bis 7 Bft. vor achterlichem Wind laufen. Die Seen werden immer höher und steiler und beginnen, regelmäßig zu brechen. Für fast zwei Stunden muss ich hoch konzentriert von Hand steuern, um ein gefährliches Querschlagen zu verhindern. Nicht gerade ein schönes Gefühl. Dazu bereiten die Brecher, die hinter uns aufkommen, einen permanent dunkel grollenden Soundtrack. Ich bin echt erleichtert, als wir die Red Bank, eine Untiefe mit gefährlichen Grundseen, umschifft haben und in der Passage zwischen den Saltee Islands endlich Schutz finden.

                      

Doch da wissen wir noch nicht, dass uns noch ein spezielles Finale des Tages bevorsteht. Kilmore Quay ist ein gut geschützter, aber enger Hafen, den sich Fischkutter und eine kleine Yacht-Marina teilen.

Die Ansteuerung führt durch eine sehr enge, relativ flache und unbetonnte Fahrrinne. Optische Orientierung gibt es vor Ort nur durch zwei Richtfeuer-Baken. Links und rechts davon liegen Rocks.

Wir haben noch immer in Böen 7 Bft, die fast quer zur Fahrrinne wehen. Ich berge vorher die Fock und nur unter gerefftem Groß laufen wir noch immer mit fast 6 Knoten. So preschen wir in die Fahrrinne hinein, als ich merke, dass uns zusätzlich zum Wind noch eine heftige Tidenströmung (wir haben noch immer Springphase) quer zur Fahrrinne versetzt. Ich gehe höher an den Wind und muss ungefähr 15-20 Grad nach Backbord vorhalten (also schräg fahren), um in der Fahrrinne zu bleiben. Am Ende müssen wir unter diesen Bedingungen kurz vor der hohen Steinmole des Hafens hart nach Steuerbord um die Mole herum, um unmittelbar darauf wieder mit Ruder hart Backbord in die noch engere Einfahrt (in der zu allem Überfluss auch noch ein Fischkutter festgemacht ist) hinein zu zirkeln, während ich gleichzeitig den Motor starte.

Britta war bei dieser Aktion zu einem bestimmten Zeitpunkt fest davon überzeugt, dass ich voll in die Mole brettern werde. Ihr zarter Hinweis kurz vor der Mole „Meinst du dass das passt…?!“ wurde von mir ziemlich knapp und einsilbig mit „Ich muss mich jetzt konzentrieren…“ beantwortet.

Ufff… In dem engen Hafenbecken bei starken Windböen Segel bergen, Fender und Leinen klarmachen, einen freien Liegeplatz finden… fast schon nicht mehr der Rede wert…

Als Entschädigung versprüht dieser kleine Hafen einen besonders authentischen Charme. Ganz anders, als die bisherigen Plätze in Irland fühle ich mich hier plötzlich an die dänische Westküste im Herbst erinnert. Sandstrand, Dünen, Fischkutter… Dazu ein uriger Hafenmeister, träge im Wasser treibende Robben, die beim Relaxen schnarchen und blubbern, überwiegend geschlossene Läden (after season) und viiiiiel Wetter.

Einzig der Fish&Chip take away „Saltee Inn“ hat noch geöffnet und wir stapfen, als das Boot gerade eben fest ist, noch im Ölzeug mit Mordshunger dahin. Mein ‚beer buttered haddock‘ (Schellfisch im Bierteig) schmeckt suuuper!!!

Am nächsten Tag erfahren wir, dass dieser Hafen zumindest unter Seglern für seine Zufahrt berüchtigt ist und werden Zeuge, als eine SY kurz vor der Einfahrt auf Grund festkommt, während eine zweite ihren Anlaufversuch lieber vorzeitig abbricht…

Nachdem uns Böen bis 8 Bft noch einen weiteren Hafentag beschert haben, geht es schließlich (endlich mal) bei Sonnenschein und schwachen Winden weiter. Wir wollen die Südostspitze Irlands umrunden und in die irische See einfahren. Und die heißt uns denn auch, trotz des schwachen Windes, gleich mal auf beeindruckende Weise willkommen.

Wir segeln da so träge und gemütlich bei Windstärke 2 vor uns hin, als Britta plötzlich fragt, „Was ist das denn, Ralf?“ Ich blicke nach vorne und sehe… Brandung, während wir gerade langsam durch fast glattes Wasser segeln. Hä?? Kurz Echolot und die Position gecheckt. Wir stehen vor den BAILIES, einer Formation von Sandbänken am Meeresgrund, die für uns aber keine Gefahr darstellen. Kein gefährliches Riff voraus. Mindestens 10 m Wassertiefe sollten reichen. Die Brandung voraus erreicht vielleicht 0,5 m – max. 1 m Höhe. Kann also eigentlich nicht gefährlich sein, was ich da sehe. Aber wie kann das sein??

Ich vermute ein Phänomen durch eine Stromkante o.ä. und halte darauf zu. Nicht ohne Britta den Hinweis zu geben, sich sicherheitshalber trotzdem gut festzuhalten. Wer weiß schon genau, was da gleich abgeht…

 

 

Am Ende lief es tatsächlich ganz harmlos ab. Aber: Unter gleichen Strömungsverhältnissen muss dieser Ort bei Starkwind oder sogar Sturm die Hölle sein…

Wir peilen Arklow als nächsten Hafen an. Das ist übrigens einer der wesentlichen Unterschiede zur Ostsee. Wer sich hier auf Daysailing beschränken will, hat bei den Häfen nicht viel Auswahl und muss nehmen was verfügbar ist, sofern man nicht Ankern, an einer Mooring liegen oder Trockenfallen möchte.

Arklow bietet eine enge Marina an einem Fluss mit Pontons und guter Infrastruktur. Das wars aber auch schon. Das Wasser des Flusses ist stark durch industrielle Abwässer verunreinigt, woran die dunkelbraune Farbe keinen Zweifel aufkommen lässt. Auch sonst ist der Ort nicht gerade ein Highlight.

Unser nächstes wichtiges Ziel ist Dublin, wo Britta in einigen Tagen den Heimflug antreten wird.

Kurz vor Dublin liegt Dun Loaghaire. Ein mondäner Vorort Dublins und zugleich DAS Segelzentrum Irlands. Unser nächster Hafen.

Der Tagestörn dorthin verläuft ohne besondere Ereignisse, wenn man davon absieht, dass der Wind mal wieder viel stärker ausfiel, als angesagt und eine Dyneema-Leine, die einen Schotblock an der Fußreling hielt, sich mit lautem Knall verabschiedete, als wir gerade etwas überpowert waren. Zum Glück ist das einfach zu reparieren…

Aufgefallen ist uns auch noch, dass es zwar Delfine in der irischen See gibt, die sich aber, zumindest bei unseren Begegnungen, komplett anders verhalten, als ihre Brüder und Schwestern in der keltischen See bzw. im Atlantik.

Dort: Hurra ein Boot! Yeah, Attacke! Surfen, Springen, Spielen…!

Hier: Ah, ein Boot. Na und…?

Nix begleiten, nix spielen. Sie wirken desinteressiert und schwimmen ihres Weges.

In Dun Loaghaire spannen wir erstmal bei schönem Wetter einige Tage aus, genießen das Flair des Ortes, die schöne Umgebung und die tolle Infrastruktur der Marina.

Dann rückt für Britta der Tag der Abreise, der 9. September, heran. Viereinhalb Wochen an Bord sind wie im Fluge vorüber gegangen. Wir verholen am Tag davor nach Dublin in die Poolbeg Marina, direkt gegenüber der großen Cruising Ship Terminals und nur 15 Minuten mit dem Taxi vom Flughafen entfernt. Auch hier wieder: Schön zentral, aber das war es auch schon. Das Umfeld ist laut, die Gegend eher weniger schön.

Dafür liegen einige Pubs in fußläufiger Entfernung und wir feiern den letzten Abend bei Guinness und so richtig irischer Livemusik.

Nach Brittas Abreise muss ich mich erstmal wieder als Solo-Segler eingrooven. Das geht schon damit los, dass mich niemand mehr antreibt, wenn ich mich gerade mal wieder von Dingen ablenken lasse und so Zeit vertrödel…

Prompt komme ich für die nächste große Etappe nach Ardglass in Nordirland etwas zu spät los und bezahle das damit, dort erst in der Dunkelheit anzukommen.

Der Hafen liegt in einer engen Bucht, in deren Zufahrt an Backbord die Mole eines Fischereihafens und an Steuerbord gefährliche Klippen liegen. Weite Teile davon fallen bei Niedrigwasser trocken.

Die See geht auflandig und die Deutung der Lichter, die ich sehe, will nicht so recht zu dem Bild auf dem Plotter passen. Hmmm, sehr irritierend…

Ich berge die Segel und taste mich unter Motor langsam heran, als von achtern ein Fischkutter mit hoher Fahrt aufkommt. Ich mache Platz und hänge mich an ihn dran, was mich zumindest schon mal in den inneren Teil der Bucht bringt. Danach muss ich noch durch eine enge, aber zum Glück gut betonnte, Fahrrinne, die an weiteren Klippen vorbei fast einen 3/4 Kreis beschreibt, bis in die Marina. Geschafft!!

Ardglass selbst ist quasi der Inbegriff eines rauhen, aber authentischen Fischereiortes.

Im Supermakt finden sich denn auch Hochglanzmagazine zu kaufen, auf deren Cover stolze Fischtrawler abgebildet sind.

Und hier wird für mich erstmals so richtig deutlich, wie sehr der nahende Brexit die Menschen hier bewegt und auch spaltet. Die Zeitungen sind voll von Headlines über die möglichen Brexit-Folgen. Insbesondere für die Wirtschaft und Fischerei in Nordirland.

Ich werde Zeuge von hitzigen Diskussionen, in denen PM Boris Jonson nicht gerade sehr gut wegkommt.

Ich hätte hier gut noch ein wenig bleiben können, doch mich zieht es weiter nach Norden.

Die nächste Station soll Glenarm sein. Es geht in den sogenannten North-Channel, dem Seegebiet zwischen Nordirland und Schottland, vorbei am Belfast Lough an dessen Mündung ich das gefährliche ‚Ram Race‘ umfahre, weiter vorbei an den Maiden Islands, die ihrerseits auch wieder von Races umgeben sind, vor denen mein Revierführer des Clyde Cruising Club warnt.

Das ist ein weiterer markanter Unterschied zwischen der keltischen See und der irischen See. Die Tideströme sind hier nochmal um einiges stärker und an vielen Ecken warnen Seekarten und Revierführer vor Overfalls (wir würden es Wasserturbulenzen oder Stromkabbelungen nennen) und Eddies (also Strudel), die unter bestimmten Bedingungen für kleine Fahrzeuge gefährlich werden können.

Vor der keltischen See hatte ich wegen des offenen Atlantiks vor der Tür von Anfang an großen Respekt, weshalb ich sie auch als zwar rauh, aber irgendwie auch ehrlich empfand.

Die irische See dagegen hielt ich vorher für ein vergleichsweise geschütztes Gewässer, ähnlich unserer westlichen Ostsee, und wurde eines besseren belehrt. Die starken Tideströme und deren heftige Auswirkungen an diversen Stellen machen einen deutlichen Unterschied zur Ostsee.

Irgendwie empfand ich die irische See daher als zickige Diva, die schnell heimtückisch werden kann.

Dazu passt denn auch gut, dass die Prognosen der Windy Wetter-App in diesem Gebiet öfter mal ziemlich daneben liegen. So wie zum Beispiel auf der Etappe nach Glenarm. 20 – max. 25 Knoten Wind sollten es eigentlich werden. Doch kaum ist das Belfast Lough passiert, dreht der Wind immer weiter auf. Schon bald messe ich bis zu 40 Knoten, also Windstärke 8, mit dem Hand Anemometer (meine Clipper Messeinheit im Masttopp ist ja schon kurz nach Beginn der Reise zu einem Garantiefall geworden).

Ich berge das Großsegel komplett und segle nur unter 11 qm Kutterfock weiter.

Als ich in Glenarm eintreffe, wird es bereits dunkel und heftige Böen pfeifen über den Hafen. Man man man…

Zu den größeren Herausforderungen des Einhand Segelns zählt es, bei Starkwind einen Hafen anzulaufen und das Boot sicher an einen Liegeplatz zu bringen. Alleine. Insbesondere, wenn am Steg keine helfenden Hände zur Verfügung stehen.

Einbrechende Dunkelheit und fehlende Ortskenntnisse von den genauen Bedingungen im Hafen verschärfen das Problem zusätzlich.

Nun, wir sind bereits sehr spät in der Saison und in den meisten Yachthäfen ist fast nichts mehr los. Also bin ich vor dem Anlaufen dieses Hafens einigermaßen angespannt.

Ich finde draußen vor der Mole halbwegs vor Seegang geschützte Bedingungen und bereite dort schon sämtliche Fender und Leinen vor. Zusätzlich lege ich mein Signalhorn zur Hand.

Dann geht es in den Hafen hinein. Noch immer wehen starke Windböen. Während ich unter Motor mit eingeschalteten Positionslichtern zwischen die Molenköpfe hindurch fahre,

blase ich mehrfach aus Leibeskräften in mein Horn hinein. Das wirkt. Am Ende eines Pontons liegt eine Segelyacht mit Licht an Bord und die Leute dort werden auf mich aufmerksam. Sofort stehen zwei Männer auf dem Ponton bereit, um meine Leinen anzunehmen.

Whow, welch ein gutes Gefühl mal wieder, sicher und ohne Schäden im Hafen festgemacht zu haben!!

Der Vorteil beim Einhandsegeln, insbesondere bei rauhen Bedingungen und in fernen Revieren, ist allerdings:

Man hat sofort ein gemeinsames Thema und wird herzlich aufgenommen. So auch hier.

„Well, you must be very hungry…!“ Ich werde sofort an Bord eingeladen, die reichlichen Reste des eben beendeten Barbeque zu verzehren. Da lasse ich mich natürlich nicht lange bitten… Kurzes Clearing an Deck, Ölzeug aus und rüber, wo ich zur Buffet-Fräse werde.

Es folgt ein langer und supernetter Abend an Bord der „Bailey“, gemeinsam mit Keith, Shawn und Cathy. Allesamt aus Belfast und zu meinem Glück auf einem herbstlichen Wochenend-Trip unterwegs.

Die waren übrigens heute extra im Hafen geblieben, weil ihr britischer Forecast es besser wusste als Windy. Der hatte nämlich für den nördlichen North-Channel bis 37 Knoten Wind vorhergesagt.

Von Glenarm setze ich am übernächsten Tag den Kurs auf die inneren Hebriden in Schottland, genauer gesagt auf Islay, die berühmte Whiskey Insel, ab.

Der Wind kommt aus Nordwest und ich muss so hoch an den Wind gehen, wie möglich. Schon sehr bald frisch er auf, doch zum Glück gelingt es mir, das gefürchtete Race am Mull of Kintyre weit genug an Steuerbord zu lassen. HavLys boxt sich durch die steile See und beweist einmal mehr ihre Qualitäten.

Später dann erlaubt es mir der rückdrehende Wind sogar, ohne weitere Kreuzschläge, Islay direkt anzusteuern.

Eigentlich ein schöner, wenn auch anstrengender, Segeltag. Wenn da nur nicht der fette Riss im unteren Teil des Großsegels kurz hinter dem Vorliek wäre, den ich unterwegs plötzlich entdecke, kurz bevor ich sowieso ein Reff einbinden muss.

Und noch etwas nervt. Meine Hände müssen offenbar allmählich der dauernden Feuchtigkeit Tribut zollen. Sobald ich an Deck arbeiten und zupacken muss, reißt die Haut ein oder platzt einfach auf. Kleine schmerzhafte Stellen, die zu bluten anfangen und nicht mehr recht heilen wollen.

Naja, das Segel wird auf Islay von mir repariert und an der Schadenstelle großzügig verstärkt.

An dieser Stelle nochmal vielen Dank an Timo von UK Sails, dem Segelmacher meines Vertrauens in Flensburg!! Timo hatte mir anlässlich des ersten größeren Segelschadens nach einer Sturmfahrt vor der Küste Galiziens auf Firmenkosten quasi ein „Advanced Repair Pack“ zusammengestellt und hinterhergeschickt. Das Material, das ich vorher zum Segelflicken mitgenommen hatte, war einfach nicht ausreichend. Die Fähigkeit, im Falle eines Falles selbst richtig stabile Reparaturen ausführen zu können, hat mir inzwischen schon mehrfach aus der Patsche geholfen…

Für die Hände kaufe ich, bei dem sonst Hautcreme eher im Schrank schlecht wird, das norwegische Geheimrezept für geschundene Fischerhände: Neutrogena.

Und was soll ich sagen… Das Zeug hilft tatsächlich!

Auf Islay gönne ich mir ein paar Tage zur Erholung. Natürlich mit dem unvermeidlichen Besuch inkl. Tasting bei einer der vielen Whisky Destillen.

Weiter führt mich mein Weg durch den Sound of Jura und vorbei an dem östlichen Eingang des sehr gefürchteten Gulf of Corryvreckan.

Dessen Gewässer sind durch eine Kombination aus extremen Tideströmen von bis zu 8,5 kn, der besonderen Beschaffenheit des Meeresbodens dort und den ohnehin rauen See-Bedingungen in diesem Archipel so gefährlich, dass sie nur als „Mahlstrom“ bezeichnet werden können.

Einige der gewaltigsten Strudel der Erde und „stehende Brecher“, lt. Revierführer „…better described as solid wall of water…“ finden sich hier.

Die Sailing Directions des Clyde Cruising Club werden zu diesen Gefahren sehr konkret, Auszug: „…where a backward-rearing overfall is formed which even in calm weather can be 4 m high. A heavy westerly can double it’s hight. …“

Und der Reeds formuliert es so: „…Gulf of Corryvreckan which is best avoided and should never be attempted by small craft except at slack water and in calm conditions.“

Ich passiere den östlichen Eingang des Corryvreckan zu einer Zeit, als der Flutstrom gerade von Ost nach West in den Golf hineinsetzt und passe höllisch auf, dort nicht von der Tide hineingezogen zu werden.

Mehrfach ankere ich an wahrhaft traumhaften Plätzen, bis mich mein Weg, unterwegs immer wieder Bereiche mit sehr starken Tideströmungen passierend, weiter über Oban/Kererra durch den Lynn of Lorn und Loch Linnhe bis hinein in den Kaledonien Kanal führt.

Übrigens folge ich dabei quasi in umgekehrter Reihenfolge der Spur der Helden aus dem Buch „Der Keltische Ring“, einem sehr spannenden Seglerkrimi mit sehr gut recherchiertem Hintergrund, sowohl zur Keltischen Geschichte, als auch zu den schottischen Gewässern (dass der Autor die Richtung der Tideströme im Corryvreckan verwechselt hat, sei ihm verziehen).

Also, wer auch immer von euch plant, mal in dieser Gegend zu segeln: Unbedingte Leseempfehlung!!!

Um es ganz deutlich zu sagen: Die Landschaft, die ich hier an der schottischen Westküste vorfinde, haut mich immer wieder aufs neue um. Da bleibt mir schlicht die Spucke weg. Einfach Fantastisch!!!

Dazu die Schotten. Deren offene Freundlichkeit ist wirklich auffallend. Immer wieder werde ich ‚einfach so‘ gegrüßt und angesprochen. Ein netter Plausch hier, ein netter Chat dort.

Und auch hier wieder diverse Einladungen. Es klopft an der Bordwand und schon ist der Abend gebucht…

Meist erreichen die Gespräche schon nach kurzer Phase des Small Talks einen gewissen Tiefgang.

Dabei landet man in diesen Zeiten fast unweigerlich bei politischen Themen. Brexit und Klimawandel geben z.B. reichlich interessanten Gesprächsstoff her.

Ich treffe überwiegend auf moderate EU Befürworter, aber auch auf einen glühenden Patrioten, Brexitier und Klimawandel-Leugner in einer Person. Letzterer ist also ziemlich genau der Gegenentwurf zu meinen Ansichten, was ich als sportliche Herausforderung annehme. Der Abend wird also schon mal nicht langweilig und bleibt glücklicherweise trotz der sehr gegensätzlichen Positionen nett, weil die Diskussion stark von Höflichkeit und gegenseitigem Respekt geprägt ist.

Und dann der Kaledonien Kanal…

Der ist natürlich schon für sich gesehen ein weiteres Highlight. Landschaftlich sowieso…

Der Kanal verbindet Loch Lochy, Loch Oich und Loch Ness miteinander. Alle drei sind von unterschiedlichem Charakter und jedes Loch hat seinen eigenen Reiz, wobei das Ungeheuer von Loch Ness sich zum Glück auch mir nicht gezeigt hat…

Aber allein schon die Schleusen sind ein Erlebnis. Insbesondere beim bergauf Schleusen sprudelt es bedenklich in der Schleusenkammer, wenn das Wasser aus dem 5 Meter höheren Becken hineingelassen wird. Mein erster Gedanke, als es losgeht: Alter, was ist das denn…?

Mein Boot und ich im Whirlpool. So fühlt es sich an und so sieht es auch aus.

Für mich steht ja schon am ersten Tag u.a. „Neptune’s Staircase“ auf dem Programm. Die höchste aller Schleusentreppen in diesem Kanal, mit 8 Schleusenkammern hintereinander.

Aber keine Sorge. Dank des freundlichen und hilfsbereiten Personals ist das sogar für mich als Einhandsegler machbar.

Einzige Voraussetzung: Lange Leinen als Loop, die schnell eingeholt oder gefiert werden können (meine Bugleine hat 30 m und wird bis nach achtern ins Cockpit auf die Schotwinsch zurückgeführt) und mit dem Boot umgehen können.

Am 30. September verlasse ich die letzte Schleuse in Inverness mit dem ersten Wasser nach der Ebbe und dampfe unter Motor bei noch ruhigem Wetter gegen den harten Strom der auflaufenden Springtide in die Nordsee. Geht nicht anders.

Auch hier ist wieder eine sorgfältige Planung bzgl. der anzusteuernden Häfen erforderlich.

Es gibt nicht viele geeignete Häfen an der Südküste des Moray Firth. Viele Häfen fallen einfach trocken. Die angekündigten nördlichen Winde reduzieren die Anzahl noch einmal deutlich, weil enge und flache Zufahrten bei auflandigen Wind und Wellen schnell gefährlich werden.

Meine Wahl fällt auf Lossiemouth und wenn ich dort noch bei Tageslicht ankommen will, muss ich gegen die Springtide anfahren, was sehr viel Zeit kostet.

Dort angekommen mutiert das Anlaufen des Hafens gleich mal zu einem riskanten Abenteuer.

Weiter draußen im Moray Firth finde ich nämlich schon mal eine erstaunlich unangenehme See vor und die angekündigten nördlichen Winde haben inzwischen auf 4-5 Bft aufgefrischt.

Der Reeds warnt für diesen Hafen vor dem Anlaufversuch bei nördlichen Winden von mehr als Stärke 6. Sollte also noch passen.

Ich komme gut zwei Stunden vor Niedrigwasser an und eigentlich sollte auch noch genügend Wassertiefe in Einfahrt und Hafen vorhanden sein.

Frei nach Radio Eriwan: Im Prinzip ist das auch so…

Nur, ergibt die Kombination aus alter nördlicher Dünung, aufgefrischten nördlichen Winden und ablaufender Springtide offenbar einen für mich sehr ungünstigen Cocktail.

Genau in dem Moment, als ich mich in flacheres Wasser begebe, um mich gegen den ablaufenden Strom des Rivers Lossie unter Motor der Hafeneinfahrt zu nähern und um dort in die enge Einfahrt einzudrehen, läuft von achtern wie aus heiterem Himmel plötzlich ein Set höherer Wellen auf, die genau hinter mir, vor mir und unter mir quer über die Hafenzufahrt brechen. Und das, während direkt an Backbord voraus schon die nackten Steine aus dem Wasser ragen.

Verdammt! Was ist denn jetzt los????

Mir schießt ne fette Ladung Adrelanin ins Blut. Irgendwie kriege ich die Situation mit Glück und Geschick in den Griff, gebe Vollgas und komme zwischen zwei Wellen sicher in den Hafen hinein.

Pffffft…, das war knapp… Hallooo, liebe Nordsee, du altes Biest…, denke ich mir hinterher.

Am nächsten Morgen will ich früh los, um die 60 Meilen nach Peterhead zu schaffen.

Doch ich komme nicht vom Liegeplatz weg, weil schon zuviel Wasser abgelaufen ist und der Kiel im Mud stecken bleibt.

Als Stunden später wieder genug Wasser aufgelaufen ist, ist es bereits zu spät. Ich hätte keine Chance mehr, einen vernünftigen Hafen bei Tageslicht zu erreichen. Der Weg nach Peterhead führt um das berüchtigte Rattray Head herum und eine Passage bei einbrechender Dunkelheit in Bft. 6-7 ist unter Sicherheitsaspekten keine vernünftige Option.

Schon seit Inverness auf selbem Kurs und mit mir im Hafen von Lossiemouth liegt auch der Motorsegler „White Otter“, den Richard, ein Australier mit Wohnsitz in der Schweiz, in Schottland gekauft hat. Die „White Otter“ wird nun in die Niederlande überführt. Richard ist der Skipper und hat noch zusätzlich William als Crew an Bord.

Die „White Otter“ hat nur 1,2 m Tiefgang und schafft es deswegen, im Gegensatz zu mir, frühmorgens aus dem Hafen.

Allerdings endet ihr Tagestörn manövrierunfähig mit Maschinenausfall und unklarem Rigg in hohem Seegang vor Fraserburgh treibend. Die heftigen Bootsbewegungen in rauer See haben zu verstopften Dieselfiltern geführt. Sie werden nach einem Hilferuf über VHF vom dortigen Rettungskreuzer nach Fraserburgh eingeschleppt. Das höre ich abends von Richard am Telefon und erfahre bei der Gelegenheit, dass auch „HavLys“ am nächsten Tag in Fraserburgh am Ponton des Lifeboats willkommen wäre. Für mich ein Glücksfall, kann ich doch so am nächsten Tag tidebedingt später starten und trotzdem im Tageslicht einen sicheren Hafen anlaufen (normalerweise sind Yachten in diesem reinen Großfischerei-Hafen nicht willkommen, weil die Infrastruktur es nicht hergibt).

Gesagt, getan… Abends treffe ich in Fraserburgh allerdings nur noch auf Richard. William hat es nach den für ihn schockierenden Erlebnissen des Vortages vorgezogen, seine Heimreise auf dem Landwege anzutreten.

Bei mir werden bei dieser Gelegenheit Erinnerungen an den rauen Törn von Cuxhaven nach Helgoland Anfang Mai und Isis vorzeitiger Abreise am folgenden Tag wach…

Nun denn, Richard und ich haben dafür einen netten Abend im Pub zusammen, wo wir die Erlebnisse der letzten Tage reflektieren und unsere weiteren Törnpläne besprechen.

Zu zweit, also zwei Boote, zwei Männer, runden wir einen Tag später bei halbwegs moderaten Bedingungen Rattray Head und laufen Peterhead an.

Und hier bin ich nun also. Peterhead soll als östlichster Hafen Schottlands quasi mein Sprungbrett für die Nordsee Überfahrt nach Dänemark werden.

Seit einigen Tagen warte ich auf mein Wetterfenster für die geplante Passage.

Ich bin nicht anspruchsvoll. 3 Tage mit Wind von max 30 Knoten aus segelbaren Richtungen würden mir schon reichen. Doch zurzeit sieht es selbst dafür ziemlich eng aus.

Und erstmal heult, während ich diese Zeilen schreibe, gerade ein Sturm mit Böen von über 50 Knoten draußen vor der Küste.

Meine Entscheidung zum Auslaufen wird sehr kurzfristig fallen müssen, da die Wetterlage momentan sehr unbeständig ist.

Richard hangelt sich inzwischen mit der „White Otter“ in kleineren Schritten die britische Ostküste entlang nach Süden vor und ist schon vor Tagen weitergezogen.

Daneben habe ich hier während meiner Wartezeit aber schon den nächsten sehr netten und interessanten Kontakt geknüpft.

Der Argentinier Gus (Gustavo), der mit seiner selbst gebauten Stahlyacht „Ithaka“ von Buenos Aires bis hierher gesegelt ist, war kurz vor mir in diesem Hafen eingetroffen und will nun hier mit seinem Boot überwintern.

Doch darüber, und vor allem natürlich über den weiteren Verlauf meiner Reise, werde ich im nächsten Artikel mehr berichten…

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