Der lange Weg nach Irland…

von Ralf Kock am 09.09.2019 / in Allgemein
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Baltimore im äußersten Südwesten Irlands am Dienstag, den 27. August, 15.30 Uhr.

Wir sind gerade eingelaufen, total froh und auch stolz, hier zu sein.

Die letzten rund 30 Stunden hatten etwas von einem Wettrennen. Ein Rennen gegen einen ungleichen Gegner. Ein Trog, also eine Schlechtwetterzone, die allgemein für sehr böigen Wind und extreme Winddreher bekannt ist, hatte sich zu einem kleinen, aber intensiven Tiefdruckgebiet entwickelt und saß uns quasi im Nacken.

Die Vorhersage von Meenos Wetterwelt vom Vortag, also dem 26.08., kündigt für das Seegebiet, das wir zu dieser Zeit befahren, zunächst Starkwind aus Süd, binnen kürzester Zeit rechtdrehend auf Nord-West bis Nord, mit Böen bis 40 Knoten (Windstärke 8) an.

Einfach ausgedrückt bedeutet dies Kreuzseen, chaotischer Seegang, bei dem sich auch unberechenbare, gefährliche Brecher entwickeln können.

Das wollen wir natürlich, wenn irgendwie möglich, vermeiden!

Schon jetzt überlagern sich bei uns zwei Wellensysteme (aus Südsüdwest und West) und einzelne Ausnahme-Exemplare erreichen durch Überlagerung beeindruckende 4-5 m Höhe. Bisher allerdings, ohne bösartig zu sein.

Nach den Routing-Berechnungen haben wir aber die besten Aussichten, in den Schlamassel hinein zu geraten, wenn wir nicht schnell genug voran kommen oder wenn das Tief nur ein wenig schneller zieht, als vorhergesagt.

Selbst, wenn wir nicht diese Winddreher abkriegen, würden wir beim Landfall bei südlichen Winden von Windstärke 7-8 auf eine uns fremde und in Lee befindliche Felsenküste zulaufen müssen. Jeder Seemann weiß, welche Gefahren damit verbunden sein können. Oder gleich ganz eine weitere Nacht auf See bleiben, dann aber bei Dunkelheit mit dem Szenario der Winddreher (siehe oben) bei stürmischen Winden konfrontiert sein. Klingt wie die Wahl zwischen Pest oder Cholera.

Also besser Gas geben!

Unseren ursprünglichen Zielhafen, Kinsale, haben wir längst aufgegeben. Die nochmal knapp 50 SM wären nicht zu schaffen, ohne in das üble Wetter zu geraten. Deswegen steuern wir jetzt die Bay von Baltimore an.

Wir laufen derweil mit Westkurs auf der Vorderseite des Wettersystems bei südlichen Winden von 20-25 Knoten, ich lasse soviel Segel wie möglich stehen und gebe ‚HavLys‘ die Sporen.

Immer wieder mal kommen wir die Wellen hinab ins Surfen und der Plotter meldet dann 10-11 Knoten Speed. Gut so!

Am Ende sind wir erfolgreich und passieren die Durchfahrt in die sichere Baltimore Bay gut zwei Stunden, bevor das schlechte Wetter eintrifft.

 

Unsere Wettersituation beim Landfall

Unsere Wettersituation beim Landfall

 

WHOW!! Was für ein Finale einer ohnehin schon fantastischen Überfahrt!

Von dieser will ich nun etwas ausführlicher berichten und blende 2 Wochen zurück auf die Azoren.

Dienstag, der 13. August. wir haben gerade, nach 4 Tagen der Eingewöhnung, Entspannung (der GinTonic im Peter Café Sport ist echt superlecker) und Vorbereitung in Horta den kurzen Tagestrip nach Velas auf São Jorge hinter uns gebracht. 22 Seemeilen bei Sonnenschein und ruhigem Wetter. Easy going und genau die richtigen Bedingungen für Britta, um die Nervosität ein wenig abzubauen.

Der kleine Hafen von Velas ist wunderschön, unmittelbar unterhalb einer dramatischen Steilküste gelegen und mit kristallklarem Wasser. Herrlich!

Doch das ist noch nicht alles. Direkt über uns befindet sich eine größere Kolonie von Sepiastauchern (auch Gelbschnabel-Sturmtaucher genannt).

Kaum ist die Sonne untergegangen, kehren wahre Heerscharen dieser Vögel von See zurück und erfüllen die Luft mit ihren Rufen, die so klingen, als wäre Mickey Mouse gerade etwas auf den Fuß gefallen: „Aua aua aua… Auua auua aua…“

Dazwischen dann auch tiefere und leicht heisere Stimmlagen. Die Luft über uns dröhnt fast von Rufen aus tausenden von Vogelkehlen.

Wir haben alle möglichen Figuren aus den Comic-Stories von Mickey Mouse und Donald Duck vor Augen und können nicht anders, als uns fast halbtot zu lachen, während wir das Konzert hören.

 

 

Neben diesem Unterhaltungsprogramm treffen wir letzte Vorbereitungen für den vor uns liegenden großen Sprung nach Irland. Wir bunkern noch einmal ordentlich Trinkwasser und Lebensmittel. Das Boot kriegt mit dem Putzen des Unterwasserschiffs den letzten Schliff. Die Bootsversicherung wird wie gewünscht informiert, dass wir im Begriff sind, die Gewässer der Azoren wieder zu verlassen. Letzte Telefonate mit unseren Angehörigen… Rund 1100 Seemeilen liegen vor uns. Mindestens. Mich juckt die Vorfreude. Ich will jetzt auch endlich los. Auch Britta empfindet es ähnlich.

Ready to go…

 

Zwei Tage nach unserer Ankunft in Velas ist es endlich soweit. Am späten Nachmittag werfen wir die Leinen los und machen uns auf den Weg.

Tschüss Azoren…

 

Der Atlantik begrüsst uns mit moderaten Winden aus Südwest und einer tollen Vollmondnacht. Wir werden von Sepiastauchern, die immer wieder um unser Boot kreisen, begleitet und halten erstmal Kurs Nordnordost.

Britta hält sich wacker und wir erproben unser geplantes Wachsystem mit Wachwechseln alle 6 Stunden. Ich übernehme die Wache von 21-03 Uhr. Britta übernimmt dann bis 09 Uhr usw.. Das kommt unserem jeweiligen Bio-Rhythmus noch am ehesten entgegen.

Der nächste Tag ist wieder sonnig, bringt aber in Bezug auf die Wetterentwicklung weniger gute Neuigkeiten mit sich. Der Südwestwind steht zwar durch, aber wir müssen uns schon in der zweiten Nacht auf Starkwind einstellen. Von Westen naht ein kräftiges Windfeld. Böen von 38 Knoten, also 8 Windstärken, sind prognostiziert. Dazu eine signifikante Wellenhöhe von 2,8 – 3 m.

Puuha, das ist fett gleich für den Anfang!

An dieser Stelle vielleicht nochmal eine kleine Erläuterung zum Thema Wellenhöhe. Die signifikante Wellenhöhe der Vorhersage bedeutet, dass dies das arithmetische Mittel aus dem höchsten Drittel der zu erwartenden Wellen ist. Etwa jede 6. Welle überschreitet diesen Wert. Einzelne Wellen erreichen regelmäßig auch die doppelte Höhe oder mehr.

Britta ist deutlich angespannt und wir ziehen uns bzw. unser Boot für die Nacht ‚warm an‘.

Ich treffe also alle Vorbereitungen für eine stürmische Nacht. Mit gesetzter Sturmfock und Groß im 2. Reff sind wir sehr defensiv aufgestellt und haben noch Reserven, falls es härter als angekündigt kommen sollte.

Gerüstet für das, was da kommen soll…

 

Britta ist verständlicherweise trotzdem beunruhigt. Vor allem ist sie in Sorge davor, wegen Seekrankheit vollkommen die Kontrolle zu verlieren. Sie hat nämlich bereits jetzt mehr oder weniger permanent mit leichtem Unwohlsein zu tun und die Nachricht vom bevorstehenden Starkwind hat diesen Effekt nicht gerade verbessert.

Daher legen wir zusätzlich unser Wachsystem vorsorglich auf Eis. Britta hat einfach noch zu viel mit sich selbst zu tun und hat daher freie Wahl zwischen Cockpit oder Koje. Ich regel das mit der Wache bis auf Weiteres wie zuvor auf den Einhand-Etappen.

Unsere erste ‚Sturmnacht‘ lief dann aber relativ glimpflich ab. Es gab zwar starken Wind und hohe Wellen, die aber das Boot zu keiner Zeit in Bedrängnis brachten. Wir beide kriegten sogar mehrere Stunden Schlaf.

Einziger Haken für mich: Nachts um 2 Uhr wurde ich geweckt, weil sich das Boot plötzlich ganz anders verhielt. Der Wind war nach Durchgang einer Kaltfront plötzlich von Südwest auf Nord umgesprungen und wir liefen jetzt einen südöstlichen Kurs. Also ab an Deck, um den Windpiloten wieder neu einzustellen. Mach ich mal eben schnell in leichter Bekleidung dachte ich. Sehr schlau…

Als wäre die Gischt des Atlantiks nicht schon nass genug, setzte genau in dem Moment, als ich ins Cockpit gestiegen war, auch noch fetter Starkregen ein. Nach diesem Job war ich mal wieder nass bis auf die Unterhose und so richtig hellwach.

Naja, dafür werden wir am nächsten Tag wieder mit schönstem Sonnenschein belohnt. Himmel und Atlantik übertreffen sich gegenseitig mit intensivem Blau, dabei einige Schönwetterwolken. Klassisches Rückseitenwetter wie aus dem Lehrbuch für Wetterkunde.

Dazu ziehen unsere Begleiter, die Sepiataucher, immer noch ihre Kreise um unser Boot und auf dem Wasser schippern, wie seit Tagen schon, regelmäßig portugiesische Galeeren vorbei. Diese kleinen Biester sehen mit ihren aufgestellten bunten Segeln zwar irgendwie lustig aus, sind aber absolut nicht harmlos. Lange Tentakel mit giftigen Nesselzellen töten Beutetiere und verursachen beim Menschen nach Hautkontakt starke Schmerzen.

Portugiesische Galeere

 

Britta ist noch nicht wieder richtig fit und hält sich zunächst noch überwiegend in ihrer Koje auf. Wie sie diese Phase erlebt hat, erzählt sie am besten selbst mit einem Zitat aus ihrem persönlichen Tagebuch:

„…zum Abend hin (mir ging es immer noch schlecht) änderte Ralf die Pläne und stellte mich von der Wache frei. Ich war so erleichtert über diese Entscheidung und schlief diese Nacht viel besser. Eigentlich schlief ich ab da nur noch, außer es gab Essen, welches ich mir nur hinein zwang. Irgendwann am frühen Nachmittag rief Ralf dann zu mir herunter, dass ich nach oben kommen solle, damit ich mich daran erinnere, in einem Boot zu sitzen.

Witzbold!! Meine Seekrankheit erinnerte mich jede verdammte Minute daran. …“

 

Inzwischen weht der Wind aus Nordnordost und das Datenfenster der über Satellit empfangenen Wettervorhersage lässt darauf schließen, dass sich im Norden von uns ein großes Hochdruckgebiet etabliert. Hmmm… Das wirft Fragen nach unserer weiteren Wetterstrategie auf. Zurzeit laufen wir noch hoch am Wind einen Kurs von ca. 80-90 Grad. Also ungefähr Ost. Nur, wie lange soll das noch gutgehen?! Der Wind wird absehbar Richtung Ost drehen und wir würden dann immer weiter in Richtung Südost oder sogar Süd gedrängt werden. Eine Wende mit anschließendem Nord oder später Nordostkurs würde uns mit großer Wahrscheinlichkeit in die Flaute des Hochdruckkerns führen. Und wenn wir noch weiter nach Osten laufen, droht uns später alternativ zur Flaute ausdauernder Gegenwind auf der östlichen Seite des Hochs, wenn wir irgendwann nach Norden abbiegen wollen. Dieses Hochdruckgebiet ist offenbar das leicht nach Norden verlagerte „Azorenhoch“ und diese Wettersysteme können riesige Ausmaße annehmen.

Also fällt nachmittags die Entscheidung, den Kurs radikal zu ändern. Der neue Generalplan sieht im Prinzip vor, mit achterlichen Winden im Westen um den Kern des Azorenhochs herum zu fahren. Dazu gehen wir zunächst auf 320 Grad (also ungefähr Nordwest), um uns dem Kern allmählich zu nähern.

Erstmal ist das ein komisches Gefühl, sozusagen in die verkehrte Richtung zu segeln (wenn man auf das Ziel Irland schaut).

Hoffentlich geht die Rechnung auf…, denke ich und gehe im Stillen einige worst case Szenarien dazu durch, wie lange wir mit Lebensmitteln und vor allem Trinkwasser an Bord auskommen können… Mit unseren Vorräten kämen wir mit einer Reisedauer bis 20 Tagen ganz gut klar, zur Not sogar noch etwas länger, hätten also gut für eine Woche Reserven. Das beruhigt.

Aber am Ende ging diese Rechnung sehr gut auf. Mehr noch. Sie war im Nachhinein betrachtet angesichts eines geradezu riesigen Flautenstreifens, der sich weit nach Osten erstreckte (was wir mit unseren Daten nicht erkennen konnten), die wirklich einzige vernünftige Alternative.

Dies ist gut erkennbar an dem Foto des Race Trackers von Boris Herrmann und Greta Thunberg, die zeitgleich unser Kielwasser im Süden von uns gekreuzt haben.

Wir sind nordwestlich des vorletzten Punkts mit der Nr. 10 auf die Nordseite des Hochs gesegelt.

 

Auf diese Weise kommen wir für einige Tage in den Genuss von easy sailing bei Sonnenschein und leichten Winden schräg von achtern. Unterbrochen nur von 8 Stunden Flaute, in denen wir vollständig eingeparkt sind. Für Britta ist das genau die richtige Medizin, um die Seekrankheit zu überwinden und langsam wieder gerade vor zu kommen. Sie wird zunehmend aktiver und hat Spaß daran, stundenlang im Cockpit zu stehen und auf das Meer zu schauen. Dabei hält sie angestrengt Ausschau nach Delfinen oder Walen, die sich aber vorerst noch nicht zeigen wollen.

Bei achterlichen Winden im Hochdruckgebiet…

 

Das geht soweit, dass sie gelegentlich schon an leichten Halluzinationen leidet und am Morgen des 5. Tages auf See schließlich die ’nordatlantische Leopardenschildkröte‘ (sorry Britta 🙂 ) sichtet. Ihr kennt diesen Effekt bestimmt. Wenn man nur lange genug angestrengt Ausschau hält, dann sieht man irgendwann auch etwas. Hier war es der weiß gemusterte Schaum im Rücken einer leicht brechenden Welle, der mit etwas Fantasie fast so aussah, wie ein Rückenpanzer einer Meeresschildröte… 😉

Noch am selben Abend schallt es dann aber laut „DELFINE!! Ja Ja!!“ aus dem Cockpit und wir haben tatsächlich den ersten Besuch von einer Delfinschule, die wie fast immer, unser Boot freundlich verspielt eine ganze Zeit lang begleiten. Endlich!!

Ein kleines Video dazu gibt es hier:

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Danach ist es, als wäre ein Bann gebrochen und die Natur des Meeres zeigt sich uns mehr und mehr in ihrer Schönheit und Vielfalt. Jeden Tag haben wir mindestens einen Besuch von Delfinen. Dazu weiterhin von morgens bis abends portugiesische Galeeren, die vorbei segeln.

Und unsere fliegenden Freunde nicht zu vergessen, die Sepiataucher, die uns weiterhin treu und ausdauernd begleiten.

Irgendwann sind sie so etwas wie Familie für uns. Morgens nach Sonnenaufgang geht unser Blick als erstes suchend zum Himmel. Aaaah, da sind sie ja!

Family…

 

Das ist aber noch immer nicht alles. Einige Tage später sichten wir den Blas von Großwalen. Wir sehen in einigem Abstand riesige Fontänen aufsteigen, die gefühlt 15-20 Sekunden andauern. Uns wird klar, die dazu gehörenden Tiere müssen gewaltig sein…

Nachts ziehen wir eine Leuchtspur im Kielwasser hinter uns her. Manchmal nur schwach, manchmal richtig hell! Meeresleuchten. Kleinstlebewesen im Wasser, die nach einem Berührungsreiz Lichtsignale aussenden und das Meer bläulich-grün lumineszieren lassen. Ein irres Bild!!

Einmal stehe ich gerade im Cockpit für einen nächtlichen Routinecheck und sehe schräg von Backbord achtern einen leuchtenden Torpedo mit langer Lichtschleppe heranschießen. Mir stockt kurz der Atem und ich reibe mir die Augen. Erst im letzten Moment vor der Kollision mit ‚HavLys‘ biegt der Torpedo ab, schießt nach vorne und verschwindet in der Dunkelheit… Ich tippe auf einen Delfin und bin von dem Erlebnis erstmal ziemlich geflasht.

Ein andermal, es ist gerade später Vormittag, brüllt Britta plötzlich „RAAAALF!! RAAALF!!!“

Ich schieße an Deck und sie stammelt nur „Da, ein Wal“ und zeigt nach Steuerbord neben das Boot, wo ich nur Wasser sehe.

Was war geschehen? Sie hatte gerade im Cockpit gestanden und intensiv nach Backbord Ausschau gehalten, als sie etwas hinter sich bemerkte. Noch im Umdrehen sieht sie unmittelbar neben ‚HavLys‘ den mächtigen Rücken eines Wals, der gerade wieder beim Abtauchen ist.

Noch bevor ich irgendwas dazu sagen kann, sehe ich ihn selbst. Er taucht jetzt ca. 20 m achteraus neben unserem Kielwasser auf und zeigt seinen mächtigen Rücken, bevor er auf Nimmerwiedersehen in der Tiefe verschwindet. Wir beide schätzen das Tier auf vielleicht 10-12 m Länge. Anhand des kleinen Buckels im hinteren Teil des Rückens, wo andere Großwale eine Finne haben, tippe ich auf einen Pottwal. Vielleicht ein junger Bulle oder ein kleineres Weibchen. Spätere Recherchen bestätigen uns zumindest, dass wir genau dort durch ein Art Hotspot des Pottwalvorkommens im Nordatlantik gesegelt sind.

Dass ich einen Tag zuvor direkt in unserem Kielwasser einen Grindwal aufkommen sah, geschenkt, ist ja schon fast nicht mehr der Rede wert… 😉

Wir fühlen uns jedenfalls unfassbar reich beschenkt von diesen Erlebnissen!

   

 

Doch alles hat seinen Preis.

Denn nachdem wir den Nordwestsektor des Hochdruckgebiets erreicht haben, gibt es irgendwann auch diesen Moment, in dem ich realisiere, dass die sich die Entfernung nach Neufundland gerade nicht wesentlich unterscheidet von der Entfernung, die wir noch von Irland entfernt sind. Whow! Wir sind ganz schön weit draußen im Nordatlantik(!), denke ich und weiß gerade nicht recht, wie ich das finden soll. ‚Gemischte Gefühle‘ umschreibt es wohl am treffendsten.

Damit ist auch klar, dass unser kleiner Sonnenurlaub zur See bald ein Ende haben wird. Am Nordrand des Hochdruckgebiets kommen wir automatisch in die Zugbahn aller nordatlantischen Tiefdruckgebiete und den größten Teil unserer oben geschilderten Erlebnisse mit Walen hatten wir genau dort. In der Zugbahn der Tiefs…

Unsere gesegelte Route

 

Die lassen sich auch nicht lumpen und bescheren uns in ihren südlichen Sektoren reichlich Winde von Süd bis West, die uns super vorankommen lassen. Manchmal meinen sie es dabei allerdings etwas zu gut und schicken uns Windfelder von Sturmstärke, denen wir in so einer Art Riesenslalom (Iridium und Meenos Wettervorhersagen sei dank) so gut wie möglich ausweichen. Trotzdem kommen wir einmal nicht drumherum, für etwa 24 Stunden mit Windstärken von 7-8 Bft. umzugehen. Britta hat inzwischen ihre grundsätzlichen Sorgen weitestgehend abgelegt und betrachtet diese Art von Wetter eher mit einer Mischung aus Respekt und Unwillen. Letzteres vor allem deswegen, weil sie spätestens dann immer noch wieder von ihrer Seekrankheit eingeholt wird.

Noch ein paar Eindrücke zum Segeln im Nordatlantik…

 

However, im Finale dieser Reise liefern wir uns noch zwangsweise dieses Rennen mit dem eingangs genannten Mini-Sturmtief und vermissen dabei am Morgen des 11. Tages auf See erstmals die Gesellschaft unserer treuen Freunde, die Sepiataucher. Offenbar haben wir jetzt, mehr als 1000 Seemeilen von den Azoren entfernt, endgültig ihren Aktionsradius verlassen. Dafür tauchen plötzlich andere Vögel auf. Elegante Basstölpel (der Name tut diesen schönen Vögeln echt unrecht) und Seeschwalben tauchen auf, schweben über unserem Boot und begrüßen uns regelrecht, als wollten sie sagen: „Hey, herzlich willkommen in Irland!“

Dazu jede Menge Delfine, die uns auf den letzten Seemeilen von Gruppe zu Gruppe weiterreichen, als wollten sie uns sicheres Geleit bis an die Küste geben.

Wir platzen fast vor Begeisterung, zumal immer deutlicher wird, dass wir gut im Rennen liegen und gute Chancen haben, den sicheren Hafen noch rechtzeitig zu erreichen. Nur gelegentlich vermitteln erste kurze Böen von 25-30 Knoten einen Eindruck davon, was uns da folgt…

Bei dieser Gelegenheit erfülle ich mir auch einen heimlichen Wunsch und segel dicht am legendären Fastnet Rock vorbei. Für mich ein „must do“!

Mixed Emotions auch hier. Ich schwanke irgendwo zwischen Faszination und Unbehagen. Fühle mich plötzlich stark an das tragische Fastnet Race von 1979 mit vielen Todesopfern in schwerem Sturm erinnert. Nicht, dass ich damals dabei gewesen wäre. Aber ich habe es damals in den Nachrichten geschockt verfolgt und immerhin habe ich noch diesen Frühsommer beim Segeln im englischen Kanal ein sehr berührendes Buch darüber gelesen.

 

 

Wie auch immer. Ich bin froh, dass es klappt. Da wir von Südwesten hereinkommen, können wir uns das, trotz des gewissen Zeitdrucks, leisten. Ist ja kein Umweg…

In Zahlen ausgedrückt haben wir auf diesem Törn am Ende 1560 Seemeilen in 11 Tagen und 23 Stunden geloggt. Bei einer direkten Distanz von 1160 SM macht das 450 SM extra.

Wir waren dabei oft ziemlich schnell unterwegs.

Unsere besten fünf Etmale (gesegelte Distanz zwischen 00h und 24h) betrugen 142, 143, 152, 159,5 und (neuer Rekord für HavLys) 168 (!!) Seemeilen.

Und last but not least: Wir sind die gesamte Strecke zu 100% gesegelt!!

Beim Landfall präsentiert sich die irische Küste schließlich wie aus einem Handbuch für irische Klischees. Diesiges Wetter, windig, heftige Tidenströmungen mit Wasserturbulenzen umspülen Inseln mit rauher Felsenküste, die moosgrün bewachsen sind.

In meinem Kopf spielen dazu irisch/gälische Balladen, die ich irgendwann gehört habe.

Die enge Passage in die Baltimore Bay gelingt ohne Probleme und in Baltimore werden wir am rustikalen Besucherponton herzlich empfangen. Als ich die Frage nach dem letzten Hafen beantworte, fällt (mit Blick auf das aufziehende Wetter) die trockene Bemerkung „You did good to be here now…“.

Britta und ich sind noch den ganzen Abend über total aufgekratzt und spüren unsere Müdigkeit selbst nach dem dritten Guinness noch nicht richtig (okay, Britta ab dem zweiten Bier vielleicht doch etwas).

 

 

Dieses High hält auch noch den ganzen nächsten Tag über an. Erst auf den folgenden Cruising-Etappen die irische Küste entlang spüren wir, dass sich unser Erholungsbedarf nicht schon mit einmal Ausschlafen erledigt hat. Aber das ist schon wieder eine weitere Geschichte…

6 Kommentare

  • Wow. Die Ostseepütschersegler erstarten vor Ehrfurcht. Und dein strahlendes Gesicht spricht Bände.
    Du siehst Pottwale, wir nur Schweinswale.
    Ahoi von der Emaloca aus dem kleinen, verregneten Belt.
    Anke und Gerd

  • Hans says:

    Was für Erlebnisse, Eindrücke und Schrecksekunden. Man stelle sich vor, so ein Pottwal nimmt die Havlys auf den Rücken. Einerseits möchte man mit dabei sein, andererseits ist es auch schon auf dem Sofa diesen Bericht zu lesen. Du bist halt ein Supersegler und Seemann, trifft immer die richtige Entscheidungen. Ich kann mir gut vorstellen, wie stolz Britta auf Dich war und ist (zu Recht), und wie sicher sie sich an Deiner Seite fühlt. Ein einmaliges Erlebnis!!! Weiterhin eine gute und sichere Fahrt.
    Liebe Grüße aus Andalusien:-)))
    Ute & Hans

    • Ralf Kock says:

      Hallo Hans,
      alter Schmeichler – da hast du mir aber große Schuhe vor die Tür gestellt…
      Ich würde jedenfalls nicht wagen, von mir zu behaupten, IMMER die richtigen Entscheidungen zu treffen! 😉

      Aber ich danke dir für diesen sehr wohlwollenden Kommentar und grüße euch beide ganz herzlich!! 🙋‍♂️

  • Niko says:

    Lieber Ralf, tolle Tour – sehr schoener Bericht. Man fiebert mit und braeuchte am Ende auch ein Guiness! Rock on und bleib vorsichtig 🙂 Gruss Niko

    • Ralf Kock says:

      Hallo Niko,
      well, vielen Dank! ☺️
      With big respect and a little bit mixed emotions I’m looking forward to the last beast (as you use to say 😉) and final big challenge of the journey.
      Cheers 🙋‍♂️
      Ralf

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