Charmantes Lissabon und ein heißer Ritt nach Madeira

von Ralf Kock am 18.07.2019 / in Allgemein
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Der Morgen ist noch sehr jung und wirkt ziemlich grau, es nieselt leicht. Wir haben Mittwoch, den 26. Juni und ich stehe kurz davor, Lissabon anzulaufen. Gezwungenermaßen.

Seit gestern weiß ich, dass mein Boot als Folge der vielen Starkwindtage dieser Reise, oft über viele Stunden hoch am Wind in sehr rauher See, angeschlagen ist. Beginnende Delamination am Pütting des achteren Backbord Unterwants.

Die vergangene Nacht habe ich kaum geschlafen und versucht, dem inzwischen schwachen Wind möglichst viele Meilen unter Segeln abzuringen.

Jetzt, kurz vor der Ansteuerung der Mündung des Rio Tejo, an dessen Ufern Lissabon liegt, läuft der Motor.

Dieser Zwischenstop passt mir gar nicht. Ich habe nämlich eigentlich schon sehr bald eine Verabredung mit meiner Tochter Swantje auf Madeira. Und langsam läuft mir die Zeit weg… Eigentlich Samstag, spätestens aber am Sonntag müsste ich schon von hier weiterfahren (und dann müsste es auch noch eine sehr schnelle Reise werden), wenn ich noch rechtzeitig zum Meeting mit meiner Tochter auf Madeira ankommen will. Klingt ein wenig wie ‚Mission Impossible‘.

Mir ist natürlich klar, dass feste Verabredungen auf solch einer Reise nur mit größter Vorsicht zu genießen sind. Deswegen hatte ich ursprünglich auch in weiser Voraussicht einen großzügigen Zeitpuffer vorgesehen und zur Not hatten wir für ihren Flug auch eine Storno-Option eingebaut. Nun, der Zeitpuffer ist jetzt praktisch aufgebraucht….

Sobald mein Telefon wieder Netz hat, rufe ich meine Tochter an und wir besprechen die Lage und unser weiteres Vorgehen. Vielleicht klappt die Reparatur ja doch noch rechtzeitig und Madeira ist möglich. Das warten wir mal ab.

Wenn nicht, dann wird eben storniert und kurzfristig ein Flug nach Lissabon gebucht.

Nach der Abstimmung mit Swantje fühlt sich die Sache schon etwas besser an und ich beginne, die positiven Seiten der Situation klarer zu sehen. Lissabon soll ja ganz schön sein und es gibt bestimmt schlechtere Orte, um sein Boot reparieren zu lassen.

Und, wie ich es schon einmal geschrieben habe, wer weiß schon, wozu das jetzt gut ist…

Im Kopf habe ich einen Plan. Ich werde die Marina Doca de Belém ansteuern. Direkt nebenan liegt eine Bootswerft, die in einem Revierführer, den ich an Bord habe, wärmstens für ihre gute Arbeit und Service empfohlen wird.

Doch erstmal konzentrieren und sicher ankommen. Das ist nämlich nicht ganz so banal, wie es klingen mag. Die Gewässer nördlich der Flussmündung sind voller Fischereigeräte.

Und die sind nicht so gut gekennzeichnet, wie man es sich wünschen würde. Scheinbar im Wasser treibende Lenorflaschen sind zum Beispiel höchst verdächtig.

Einmal passiere ich solch eine Flasche in vielleicht 15 Meter Abstand und frage mich gerade, ob die da wohl nur so als Müll im Wasser treibt, als mir auch schon fast das Herz stehen bleibt. Quer zu meinem Kurs erkenne ich voraus dicht unter der Wasseroberfläche eine dünne Leine, die fast schwimmend offensichtlich zu dieser Flasche hinführt.

Die nötige Kursänderung kriege ich gerade noch hin. Alter! Jetzt bloß nicht auch noch eine Leine in den Propeller einfangen…

Also fahre ich jetzt in einem weiten Slalom, zu den zahlreichen Schwimmkugeln, Flaggenbojen und sonst auf dem Wasser scheinbar treibenden Gegenständen einen Sicherheitsabstand einhaltend, auf Lissabon zu und strenge mich an, die Augen aufzuhalten.

Das Marina Office soll ab 9 Uhr besetzt sein. Der Revierführer beschreibt die Prozedur.

Vor dem Anlaufen über Telefon anrufen. Dann wird ein Liegeplatz, sofern vorhanden, zugewiesen. Einfach so einlaufen und an einem freien Platz festmachen ist unerwünscht. Eine Wartepier für Gastboote gibt es nicht. Auch keine besonderen Liegeplätze für Gäste.

Ich schaffe es, um kurz vor 9 Uhr vor der Hafeneinfahrt einzutreffen. Zeitgleich mit mir trifft auch eine SY unter portugiesischer Flagge ein. Ich sehen den Skipper telefonieren und zücke auch mein Handy. Nichts, keine Verbindung. Beide Boote drehen vor der Hafeneinfahrt Kreise, während der starke Tidenstrom uns immer wieder flussaufwärts versetzt.

Dann, beim dritten Versuch, habe ich endlich Glück und es meldet sich eine männliche Stimme am Telefon. Ich setze sofort mit meinem freundlichsten ‚Good Morning‘ an und beschreibe gerade, dass wir vor der Einfahrt stehen und nur 30 Fuß klein sind, als die Stimme mich auch schon unterbricht. Der Hafen ist voll. Es gibt keine freien Plätze. Leider.

Gleiches gilt auch für die vier anderen Marinas, die von der Lissaboner Hafenverwaltung betrieben werden. Ich möge es doch in einem der privaten Häfen versuchen…

Dem Gesichtsausdruck des Skippers der anderen Yacht nach zu urteilen, hat dieser soeben dieselbe Abfuhr erhalten.

Doch so schnell gebe ich mich nicht geschlagen. Ich setze nach und erzähle meine Geschichte von dem Schaden, den ich auf See erlitten habe, dass ich jetzt dringend eine Werft brauche, dass ich eigentlich auf der Reise nach Madeira bin und so schnell wie möglich weiter möchte usw.. Das wirkt. Mein Gesprächspartner stockt, bittet um einen Moment Geduld und sucht offenbar nach einer Lösung.

Dann werde ich aufgefordert, in die Marina einzulaufen, wo mir dann doch ein freier Platz zugewiesen wird. Nicht jedoch, ohne zu bekräftigen, dass man mir noch nicht sagen könne, wie lange ich dort bleiben kann. Aber man werde schon sehen… mein Boot sei ja zum Glück auch nicht so groß… Geht doch! 🙂 Oder besser: Schwein gehabt!!!

Allerdings schwante mir schon, dass meine Mission mit dieser ersten genommenen Hürde noch lange nicht in trockenen Tüchern liegen würde. Immerhin ist Hauptsaison.

Mein Gefühl hat mich nicht getäuscht, wie sich zeigen sollte.

Gleich nach dem Festmachen gehe ich, bewaffnet mit Fotos von der Schadenstelle auf dem Handy, zu dem vermuteten Werftgelände nebenan. Nur keine Zeit verlieren… Ein Travellift und viele Boote an Land sind dort zu sehen. Dort treffe ich auf jede Menge Leute, die an ihren Booten arbeiten, eine Segelmacherei, verschiedene Händler, nur keine Werft.

Der Betrieb, den mein Revierführer (Stand 2016) so warm empfohlen hat, hat seine Arbeit schon vor 5 Jahren eingestellt, wie ich erfahren musste. Na super!

Ein freundlicher Portugiese will mir helfen und abends einen befreundeten Bootsbauer, der jetzt gerade arbeitet und daher keine Zeit für ein Telefonat hat, fragen. Vielleicht wird er mir den Schaden reparieren?

Außerdem regt mein Helfer an, ich solle vielleicht mal im Stadtteil Algés schauen. Dort gibt es jetzt eine Werft, mit Pedro, der früher hier auf der Werft in Belém als Bootsbauer gearbeitet hat.

Die gleiche Empfehlung kommt wenig später auch beim ‚Check in‘ vom inzwischen sehr freundlichen Hafenmeister.

Also mache ich mich auf den Weg und gehe die 45 Minuten zu Fuß nach Algés.

Ich bin inzwischen längst nicht mehr müde.

Die Werft dort ist größer als erwartet, hat aber trotzdem (oder deshalb?) keine Zeit für mich. Zumindest nicht sofort. Vielleicht in einer Woche? Ich mag nicht so schnell aufgeben, zeige meine Fotos, sage, es sei ja nach meiner Meinung nur eine gaaanz kleine Arbeit und bringe zusätzlich den Namen Pedro ins Spiel. Kurz darauf stehe ich Pedro gegenüber, der hier tatsächlich sämtliche Bootsbauarbeiten verantwortlich disponiert.

Doch der verpasst mir erstmal eine kalte Dusche. Der Arbeitsaufwand für die Reparatur sei zwar tatsächlich nicht sehr hoch, meint er. Doch die Werft ist die nächsten 2 Wochen vollkommen ausgelastet. Keine Chance, vorher auch nur einen kleinen Auftrag dazwischen zu schieben. Leider.

2 Wochen!!! Das darf doch nicht wahr sein.

Ich fühle mich an die Situation in Browershaven erinnert, als notwendige fachmännische Unterstützung für die Montage des Lümmelbeschlags für den neuen Großbaum unerreichbar schien. Daher setze ich auf die gleiche Strategie wie in der Schelde und frage Pedro, ob ich evtl. von der Werft Werkzeug ausleihen und Material zum Laminieren kaufen könne. Dann könnte ich es vielleicht selber machen.

Er zögert, denkt kurz nach, zückt sein Handy und wählt eine Nummer. Kurz darauf habe ich Backer am Telefon. Er ist erfahrener Laminierer und ja, er hätte Zeit, mir zu helfen.

Schon eine Stunde später treffen wir uns bei mir an Bord, um die Einzelheiten zu klären.

Cool!! Läuft, oder?

Backer ist bereit, schon am nächsten Morgen mit den Arbeiten anzufangen und meint, dass das Boot am Sonntag schon wieder klar sein kann. Ich glaube, zu träumen.

Das ändert sich allerdings schnell, als wir über den Preis reden. Sage und schreibe 900 EUR cash will er für die Reparatur an Backbordseite und zusätzlicher Verstärkung der Steuerbordseite haben (die StB-Seite mit einzubeziehen war im Hinblick auf das, was evtl. auf dieser Reise noch vor uns liegen mag, meine Idee). Inklusive Material, versteht sich. Trotzdem sauteuer, wie ich finde… Okay, das ist also der Haken an der Sache. Backer wittert offenbar schnelles Geld und macht mir gegenüber keinen besonderen Hehl daraus. Es sei nunmal viel Arbeit, das Material sei teuer und er müsse auch sehen, wo er bleibt…

Hmmmm. Dafür ist er aber auch bereit, sofort loszulegen und wer weiß, was mir die Werft berechnet hätte… Ich wäge die Alternativen ab und willige schließlich mit einem mehligen Gefühl auf der Zunge ein.

Am nächsten Morgen habe ich mich dann doch entschieden, den Auftrag auf die unbedingt notwendige Reparatur zu beschränken. 900 EUR sind mir einfach zu viel Geld. Halbe Arbeit, halbes Geld, so meine Logik. Backer zeigt sich zunächst natürlich nicht begeistert und will nun für die halbe Arbeit 600 EUR haben. Immerhin habe er auch schon das ganze Material gekauft.

Ich schenke uns erstmal einen Kaffee ein und mache ihm klar, dass ich zwar ein Boot habe, aber trotzdem kein Millionär bin. Ich habe lange auf diese Reise sparen müssen und für 900 EUR müsse ich zu Hause fast 2 Wochen arbeiten (okay, das war jetzt ein wenig übertrieben).

Schließlich einigen wir uns auf 500 EUR für die Reparatur der Backbordseite und das restliche Material, um die Stb-Seite in Eigenleistung zu verstärken.

Das war wichtig. Jetzt hat unsere Beziehung noch einmal eine andere, bessere Grundlage erhalten und wir verstehen uns bei den folgenden Arbeiten sehr gut. Backer, der inzwischen eine Surfschule betreibt und eigentlich vom Laminieren die Nase voll hat, gibt sich viel Mühe, arbeitet sorgfältig beim Laminieren vieler Glaslagen, die das Pütting großflächig mit dem Rumpf verbinden und verstärkt, soweit wie es ohne weitere Sägearbeiten möglich ist, auch noch das Pütting zum Oberwant gleich mit. Nebenbei versorgt er mich bereitwillig mit Tipps zur Verarbeitung von Harz, Härter und Matte beim Laminieren.

Die neue Verbindung des Püttings dürfte am Ende ‚bulletproof‘ ausgeführt sein, da ist er sich sicher.

Noch am selben Abend beginne ich mit der Verstärkung der Steuerbordseite nach gleichem Muster.

Am Abend des nächsten Tages sind beide Seiten repariert bzw. verstärkt und das Boot, das trotz aller Vorsichtsmaßnahmen von den Schleifarbeiten innen vollkommen eingestaubt war, ist samt Kombüse, Geschirr und Gepäck wieder gründlich gereinigt.

Jetzt muss nur das Harz noch hinreichend aushärten und ich habe etwas Zeit, um Lissabon näher kennenzulernen. Und was soll ich sagen… WHOW! Vigo fand ich ja schon schön. Aber das hier ist noch einmal eine ganz andere Liga.

Diese Stadt ist einfach bezaubernd und hat einen für mich umwerfenden Charme. Die vielen bunten Farben, die engen Straßen mit der alten Straßenbahn und zum Teil irren Steigungen in der Altstadt, die freundliche und ‚gechillte‘ Atmosphäre mit viel Musik und Plätzen zum Verweilen entlang der Promenaden am Rio Tejo und und und…

Daneben habe ich inzwischen auch schon gute Kontakte in der Marina geknüpft. Zum Beispiel zu Joaó von der SY Conché, einer alten Nicholson 38. Total sympathischer Typ. Ich hatte von ihm etwas Werkzeug geliehen, was zum wiederholten Erfahrungsaustausch bei kühlem Bier zu Freud und Leid als Bootseigner und überhaupt zum Leben an sich führte. Ich fühle mich gut aufgenommen und beginne fast schon, mich heimisch zu fühlen…

Mir kommt es vor, als wäre ich schon viel länger als nur 4 Tage hier gewesen und ich wäre jetzt eigentlich glatt gerne auch noch länger geblieben. Aber Madeira ruft und die Aussicht auf das Treffen mit Swantje auf der Blumeninsel mit der spektakulären Landschaft behält am Ende natürlich die Oberhand.

So ziehe ich also am frühen Sonntagnachmittag schließlich vorsichtig und mit gemischten Gefühlen die Spanner für die achteren Unterwanten wieder an. Vorher habe ich mich das noch nicht getraut. Ich wollte dem Harz an der frischen Reparaturstelle möglichst viel Zeit zum Aushärten geben. Ich gehe über den Daumen nach Ablauf von 72 Stunden von ca. 80-90 % Festigkeit des neuen Laminats aus (Backers Einschätzung) und denke, das sollte in Verbindung mit der besonders stabilen Ausführung der Arbeiten ausreichen. Außerdem werde ich bei Nordwinden auf Südwestkurs praktisch nur auf Backbordbug segeln, so dass die Reparaturstelle unterwegs eher entlastet wird.

Zur Sicherheit gebe ich den Unterwanten noch eine leicht reduzierte Grundspannung und werde darauf achten, auf dieser Reise ‚HavLys‘ nicht zu viel Segelfläche tragen zu lassen.

Mit diesem Setting werfe ich um 15 Uhr die Leinen los und nehme Kurs auf den offenen Atlantik. Es weht schon seit Tagen ein kräftiger Wind aus Nord, der typisch ist für diese Gegend und Jahreszeit. Mit gerefftem Groß und 16 qm Arbeitsfock auf der Furlinganlage geht es hinaus auf die See.

Dort weht es relativ konstant mit 20-25 Knoten und es zeigt sich schnell, dass HavLys mit der reduzierten Segelfläche sehr gut bestückt ist. Die Logge steht meist bei 7 Knoten, im Surf steht auch schon mal eine 9 vor dem Komma. Underpowert geht anders.

Die Sonne scheint und es ist warm. Das Ölzeug scheint mir unter diesen Bedingungen irgendwie unpassend, obwohl Cockpit und Deck trotz des Raumschotkurses ziemlich nasse Orte sind. Immer wieder klatscht es irgendwo gegen die Bordwand und satte Ladungen Atlantikwasser gehen über das Deck.

Das Boot bewegt sich manchmal ziemlich heftig in der ca. 2 m hohen See und daher rigge ich zum Abend einen Preventer (Bullenstander), der von der Baumnock nach vorne über die Bugklampe zurück auf die StB-Schotwinsch geführt und ordentlich tight gesetzt wird. Auf diese Weise wird der Großbaum immer fest in seiner Lee-Position gehalten, was mich später etwas ruhiger schlafen lassen wird.

Dazu muss ich aber auf das Vorschiff und ich komme auf die verwegene Idee, das Manöver ‚mal eben‚ in Turnschuhen, Shorts und leichter Softshelljacke zu absolvieren. Natürlich am Lifebelt gesichert.

Als ich wieder zurück ins Cockpit steige, bin ich bis auf die Unterhose durchnässt.

Suuuper Idee!!

So geht das also in die erste Nacht hinein. Zitat aus dem Logbuch: „Irre schnelle Segelei! Nachts unter Sternenhimmel bei 2m See und hohem Speed. Yeah!!“

Irgendwann kommt dann aber der Punkt, an dem man trotz der ganzen Faszination einfach müde wird. Wie geht man als Solo-Segler damit um? Für mich ja schon spätestens seit Vigo ein Thema.

Ein schwieriger Aspekt, bei dem man schnell (auch in rechtlicher Hinsicht) auf dünnem Eis wandelt.

Es mag vielleicht etwas merkwürdig klingen, aber ich war zuvor selbst gespannt darauf, wie ich damit umgehen kann bzw. werde. Würde ich z.B. mental damit wirklich klarkommen, zu schlafen, während das Boot quasi allein weiterfährt?

Natürlich hatte ich vorher eine gewisse Idee dazu. Mein Plan sah vor, mir auf dem offenen Atlantik (nicht in Küstennähe) alle 30 Minuten den Wecker zu stellen, aufzustehen, die Lage zu checken und mich wieder hinzulegen.

In der Zwischenzeit muss ich einfach auf den Windpiloten und mein aktives AIS vertrauen, das einerseits ein Signal zu den Fahrtdaten meines Bootes nach außen sendet und andererseits die Signale anderer Fahrzeuge ständig auswertet. Dazu habe ich die Alarme im „Offshore-Profil“ ziemlich scharf eingestellt. Zum Beispiel geht der Alarm schon los, sobald ein Objekt mit AIS-Bestückung, egal ob es sich selbst bewegt oder nicht, mir innerhalb der nächsten 45 Minuten näher als eine Seemeile kommen wird. Da bleibt auf jeden Fall genug Zeit, um ggf. zu reagieren.

Bleiben noch die (zum Glück immer seltener werdenden) Fahrzeuge, die selbst kein eigenes Signal aussenden. Diese haben jedoch zumeist wenigstens einen AIS Empfänger, der dann mein ausgesendetes Signal empfangen und dort einen Alarm auslösen würde. Solch ein Fahrzeug könnte uns (HavLys und mich) dann bei unklarer Verkehrslage gezielt anrufen, da unsere Bootsdaten immer mit gesendet werden.

Selbstverständlich ist mein VHF Gerät ständig auf K 16 hörbereit und auf volle Lautstärke geschaltet.

Last but not least führen wir natürlich nach Sonnenuntergang Positionslichter.

Das muss reichen bei dieser geringen Verkehrsdichte, ein Restrisiko bleibt dabei natürlich…

Nun, die Praxis hat zunächst einmal gezeigt, dass ich unter diesen Gegebenheiten kein Problem mit dem Einschlafen habe. Im Gegenteil. Windpilot, Watchmate-AIS und das VHF gehören zu den zuverlässigsten Ausrüstungsgegenständen an Bord und haben mich noch nie im Stich gelassen (toi toi toi). Das schafft Vertrauen und so fühle ich mich denn auch fern der Küstengewässer und Hauptschifffahrtswege (bei moderater Wetterlage) beim Einschlafen eigentlich ziemlich kuschelig und sicher in meiner Koje.

Die ’30-Minuten-Wecker-aufsteh-Regel‘ habe ich allerdings inzwischen weiterentwickelt.

Ich habe nämlich festgestellt, dass ich ohnehin sehr schnell wach werde, sobald sich etwas am Kurs zum Wind bzw. zu den Wellen ändert oder z.B. der Wind zunimmt oder abnimmt.

Beispiel Winddreher: Das Boot fährt weiterhin den voreingestellten Winkel zum Wind und ändert damit seinen realen Kurs. Das führt auch zu einem neuen Kurs relativ zum Seegang, weil dessen Wellen noch zur alten Windrichtung gehören. Das merke ich sofort, werde wach und kann reagieren.

Hinzu kommt, dass ich von meiner Seekoje aus den Bildschirm des AIS-Gerätes, der mir unseren Kurs über Grund genau anzeigt, einsehen kann.

Wenn ein Alarm anschlägt, schaue ich da natürlich sowieso drauf, quittiere den Alarm und checke die Lage. Sind die empfangenen Daten stabil oder stark veränderlich, was ist das für ein Fahrzeug, müssen wir ausweichen oder Kurs halten, wie schnell und manövrierfähig ist es etc.

Deutet alles auf darauf hin, dass das andere Fahrzeug in mindestens 45 Minuten nicht weniger als 0,5 Seemeilen Passierabstand haben wird, stelle ich zur Sicherheit einen Timer auf 20 Minuten (Einschlafgefahr) und schaue mir spätestens dann nochmal an, wie sich die Verkehrslage inzwischen entwickelt hat. Andernfalls beobachte ich die Entwicklung längere Zeit, spreche ich im Bedarfsfall das andere Fahrzeug über VHF an usw…

Unter diesen Voraussetzungen ist es unter stabilen Wetterbedingungen inzwischen schon vorgekommen, dass ich den Intervall für die Routinechecks auf 60 Minuten ausgedehnt und dabei durch Auswertung des AIS-Bildes im 24 Meilen-Radius und des allgemeinen Eindrucks (Boot, Wind und Wellen – alles normal?) nicht einmal die Koje verlassen habe. Danach falle ich meist sofort wieder in den Schlaf und fühle mich auf diese Weise nach 4-6 Stunden einigermaßen gut ausgeruht. Der restliche Schlafbedarf wird durch weitere kleinere Nickerchen im Laufe des Tages gedeckt.

Aber zurück zu meiner Fahrt nach Madeira. Am nächsten Morgen, also am Montag, bläst der Wind ungebrochen in gleicher Stärke aus Nord, was sich auch für die folgenden zwei Tage annähernd noch so fortsetzen wird. Nachmittags stehen genau 24 Stunden nachdem ich in der Mündung des Rio Tejo im Plotter den Track gestartet habe, sage und schreibe 165,2 Seemeilen und damit ein neues Rekord-Etmal für HavLys auf der Uhr.

Yeah!! Das ist eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,9 Knoten!

Und das allein an Bord und mit eher defensiv ausgelegter Besegelung, also ohne das Boot hart zu pushen…

Über diese gut ausreichende aber dennoch eher defensive Besegelung war ich übrigens am Dienstag besonders glücklich.

Den täglich via Satellitenverbindung empfangenen Wetterdaten konnte ich entnehmen, dass es am Montag und Dienstag etwas weiter nördlich von uns bei 35 Knoten Mittelwind deutlich stärker geweht hatte.

Der dabei entstandene Seegang kam im Laufe des Dienstags offenbar als Dünung, die unsere aktuelle Windsee gelegentlich überlagerte, von achtern auf.

Das ist zumindest meine Theorie dazu, denn am Dienstag sahen wir uns teilweise mit einzelnen außergewöhnlich hohen und auch zum Teil brechenden Seen konfrontiert, die die allgemeine Windsee bei weitem überragten. Hier von ca. 4 Meter Wellenhöhe auszugehen, ist noch vorsichtig geschätzt und sicher nicht übertrieben.

 

Ausnahmewelle aus größerer Entfernung. – Was da rundherum scheinbar glatt aussieht, ist 2m hoher Seegang.

 

Zum Glück stieg keines dieser Biester ernsthaft ins Cockpit ein. Die See zum Titelbild dieser Story war so freundlich, direkt vor uns bzw. fast unter dem Vorschiff und nicht direkt am Heck zu brechen.  HavLys machte einmal mehr eine relativ gelassene und gute Figur bei der Sache. Dazu hat eben aber sicher auch das oben erwähnte defensive Segelsetting beigetragen. Ein Boot, dass sich bereits durch Wind und Segel in der Nähe der Grenze seiner Kontrollierbarkeit bewegt, wäre bei einem aufkommenden Brecher weitaus schneller in Gefahr, vor der Welle querzuschlagen und dann wird es gefährlich…

Trotzdem ist das manchmal schon ein ziemlich komisches Gefühl, wenn sich solch ein Apparat von achtern aufkommend hoch aufrichtet und zu brechen beginnt, während man vom Cockpit aus oder (noch krassere Perspektive) aus dem Niedergang zu ihm aufschaut. Daran muss man sich erstmal gewöhnen…

Daneben beschäftigt mich noch ein anderes Thema. Es ist mir auf dieser Reise immer wieder aufgefallen, dass mein Boot, auf dessen Dichtigkeit und trockene Bilgen ich immer stolz war, beim Segeln in rauhem Wetter Wasser macht. Das ist neu.

Es sammelt sich immer zuerst in der Maschinenbilge. Nicht viel, aber allmählich doch zunehmend. Anfangs war es vielleicht ein vollgesogenes Haushaltstuch pro Tag. Inzwischen sind wir bei 3-4 Blättern maximal vollgesogenes Haushaltstuch alle 6 Stunden angekommen.

Im Hafen, vor Anker oder bei leichtem Wetter ist dann wieder alles dicht.

Was mag nur die Ursache sein? Mir gehen verschiedenste, auch beunruhigende, Szenarien durch den Kopf. Sollte die Wellendichtung vielleicht im schweren Seegang undicht werden, weil der Rumpf dort so stark arbeitet? Kein schöner Gedanke…

Am Dienstag, dem Tag mit den höchsten Wellen und dem meisten Wasser an Deck, reicht es mir endgültig, als die Menge des eingedrungenen Wassers sich noch einmal erhöht hatte. Das Phänomen war zwar bislang weit davon entfernt, gefährlich zu sein, aber ich wollte endlich die Ursache kennen.

Gegen Abend, als sich die See wieder zumindest ein wenig beruhigt hat, räume ich den Stauraum unterm Cockpit komplett aus und steige in voller Fahrt mit Kopflampe bewaffnet dort ein, schließe die Luke über mir und beginne, das gesamte Achterschiff sorgfältig von innen zu inspizieren, während das Boot draußen mit 7 Knoten bei 2 m See weitersegelt.

Dort unten finde ich noch mehr Wasser, aber rund um das Wellenlager ist alles trocken. Seeventile und Flansche, Schläuche von Auspuff, Lenzleitungen, Cockpitlenzern, diverse Kabeldurchführungen, Bolzen von Windpilot und Badeleiter, alles trocken. Hmmm… Dann fällt der Schein der Lampe auf den stillgelegten Schornstein der ehemaligen Dieselheizung, der sich hinter dem Cockpitsüll befindet. Heute nutze ich ihn nur noch als spritzwassergeschützte Ventilationsöffnung für meinen Stauraum unterm Cockpit. Das Teil leckt stoßweise in unregelmäßigen Abständen. Und dann nicht zu knapp.

Ehemals undichter Schornstein

Aha, das ist also der Übeltäter! Offenbar ist die seitliche Abdichtung des Decksdurchgangs am Schornstein inzwischen weitgehend außer Funktion. Alles Wasser, das beim Segeln irgendwo ab Mittschiffs in Luv an Deck steigt, läuft im Winkel zwischen Laufdeck und Deckshaus nach achtern, um dann am Heck hinter dem Cockpitsüll wieder abzufließen. Dabei strömt es zwangsläufig an dem Schornstein vorbei und zunehmend größere Mengen davon dringen jedesmal ins Boot ein.

Jetzt fühle ich mich gleich wesentlich besser. Kleine Ursache, große Wirkung also…

Auf Madeira werde ich das Teil später gründlich abdichten.

Der weitere Verlauf der Reise verläuft eher unspektakulär. Der Wind lässt, wie vorhergesagt, im Laufe des Mittwoch nach und ich reffe das Groß aus.

Nachmittags um 17:15 Uhr habe ich das erste mal Land in Sicht. In der Ferne schälen sich hohe Berge, die steil aus dem Meer aufragen, durch den Dunst. Madeira! Von hier sieht es irgendwie unwirklich aus, eher wie eine Insel aus dem Film Jurassic Park.

Gegen 23 Uhr runde ich dann das Leuchtfeuer auf der Illhéu de Cima vor Porto Santo. Ich bin nun endgültig im Archipel angekommen. Bis hierhin haben wir 511 Seemeilen in 3 Tagen und 8 Stunden geloggt (frühere Angaben in WhatsApp Posts von 537 SM in der gleichen Zeit basierten auf einem Rechenfehler). Eine fast unglaublich schnelle Reise, zumal der Wind zum Ende hin immer mehr abgenommen hatte.

Jetzt kann ich mir für die rund 30 verbleibenden Meilen bis zur Hauptinsel Madeira alle Zeit der Welt nehmen.

An Bord keine neuen Schäden, die Reparaturstelle am Pütting hat gehalten, ist inzwischen auch längst voll belastbar und die Ursache für das Wasser im Boot ist auch gefunden. Ich bin mit mir und der Welt sehr zufrieden! 🙂

Am nächsten Morgen mache ich dann um 9 Uhr in der Marina von Quinta do Lorde fest und freue mich auf meine Tochter, deren Flieger in ca. einer Stunde landen wird. Na, wenn das kein Timing ist… *räusper* 😉

 

Ach ja, für alle Freunde bewegter Bilder gibt es hier auch noch ein kleines Video zu sehen:

https://vimeo.com/user65170601

6 Kommentare

  • Johannes says:

    Traumhaft 👍⛵️😄

  • Mensch Ralf, ist ja besser als Karl May früher. Anke hat mir gerade auf einem langweiligen Vorwindkurs nach Stavanger den Bericht vorgelesen. Ich beneide dich allerdings nur um die Temperatur im Cockpit.
    Weiterhin good luck
    Gerd und Anke

  • Hans says:

    Was für ein Abenteuer-Bericht, so spannend zu lesen, lieber Ralf, und mein Gefühl beim Lesen der 3tägigen Überfahrt war, ein Glück festen Boden unter den Füßen zu haben. Echt super, wie Du das machst! Und Respekt, überhaupt das Ganze als Single anzugehen! ICH hätte auf See und trotz AIS wohl nicht schlafen können. Naja, und dass Du von Lissabon begeistert bist freut mich, ist echt eine Reise wert. Danke für die Bilder. Nun wünsche ich Dir und Deiner Swantje eine schöne Zeit . Madera habt Ihr ja schon gemeinsam genießen können :-))))
    Herzliche Grüße von Föhr, Ute & Hans

    • Ralf Kock says:

      Danke Hans,
      schön dass dir der Bericht so gut gefällt. ☝️😃
      Der Witz ist, dass ich vor dem Schreiben noch dachte, diesmal eigentlich nichts besonderes zu berichten zu haben.
      Erstmal angefangen lief es dann plötzlich wie von alleine… 😉
      Liebe Grüße von inzwischen Porto Santo
      🙋‍♂️⛵️

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