Erholsame Rias, Vigo und dann Madeira! Oder doch nicht?

von Ralf Kock / am 30.06.2019 / in Allgemein

Rund zweieinhalb Wochen ist die Querung der Biskaya nun schon her und es wird höchste Zeit für einen neuen Artikel.

Eigentlich wollte ich bereits auf Madeira sein, was auch gut hätte klappen können, wenn mir die Umstände nicht mal wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht hätten.

Jetzt bin ich in Lissabon, gezwungenermaßen und auch noch glücklich darüber. Doch dazu ein andermal mehr…

Vor acht Tagen warf ich in Vigo die Leinen los, um Kurs auf Madeira zu nehmen.

Timo und ich hatten zuvor eine gute Woche Bummelei in den galicischen Rias (das sind mehrere tiefe Meereseinschnitte, die bei uns im Norden wohl als Förden bzw. noch weiter nördlich als Fjorde bezeichnet würden) hinter uns. Easy going. Mal vor Anker, mal im Hafen.

Zum Beispiel, um meinen Geburtstag angemessen zu feiern. Ich erinnere mich da an den Hafenort Muros und viel Calamaris mit noch mehr Bier in einer sympathischen Kombination aus Bar und Imbiss.

Ansonsten ist in dieser Zeit nicht viel passiert. Wenn man einmal davon absieht, dass wir einmal unverhofft in einen handfesten Sturm geraten sind. Das war am 18. Juni.

Wir hatten beide nach der Ruhephase mal wieder Lust auf ein wenig Action bekommen und mussten sowieso langsam in südliche Richtung vorankommen, da Timos Abreise von Vigo nicht mehr fern war.

So kam es uns ganz recht, dass ein frischer Südwind (vorhergesagt waren 5 Bft mit Böen bis 7 Bft) wehte. Das versprach, ein ambitionierter Segeltag hoch am Wind mit Wasser an Deck zu werden. Rau, aber für uns gut machbar.

Doch diesmal hatten wir uns (wie auch der Wetterbericht) gründlich verkalkuliert. Wir kriegten es nämlich unterwegs mit satten neun Windstärken zu tun. Wenn nicht noch mehr. Was zunächst wie einzelne außergewöhnlich starke Böen ausgesehen hatte, begann, sich zu verstetigen. Der Wind wehte überwiegend mit 35-40 Knoten oder mehr. HavLys war unter der kleinen Kutterfock und Groß im zweiten Reff kaum noch zu halten und die Seen, die wir da draußen antrafen, hatten auch begonnen, zunehmend bedrohliche Ausmaße anzunehmen. Das war mir nun doch ein ‚too much‘ an Risiko. Ich traf die Entscheidung, das Groß zu bergen und unter Fock zurück in den Schutz der Ria Muros abzulaufen.

Mein unerschrockener ‚Obelix‘ an Bord, der sogar gern noch etwas weitergesegelt wäre, erwies sich einmal mehr als zuverlässige Deckshand und das dafür notwendige Manöver lief relativ reibungslos ab.

Rückblickend war die Entscheidung zum Ablaufen dennoch keine Sekunde zu früh gefallen. Der Sturm wurde später noch heftiger und auf dem Rückweg mussten wir sogar nur unter der 11 qm Fock aufpassen, durch die Böen nicht flach gelegt zu werden. Der Wind riss das Wasser großflächig von der Oberfläche ab und trieb es als Gischt waagerecht durch die Luft.

Selbst in der geschützten Ankerbucht bei Punta de Aquiera, in der wir den Anker mit viel Mühe zum Halten kriegten, haben wir an Deck (!) mit dem Kaindl Hand-Anemometer noch Böen bis 43 Knoten gemessen (meine NASA Windmessanlage im Masttopp ist inzwischen zu einem Reklamationsfall geworden).

Whow! Oder besser Puuuh!! Das war eine doch unerwartet heftige Trainingseinheit in Sachen Schwerwetter-Management. Zum Glück ist (fast) alles gut gegangen. Nur die Liekleine im Achterliek der Kutterfock hat den Belastungen leider nicht stand gehalten und ist gebrochen. Ein Fall für den Segelmacher.

Vorsorglich sei folgendes angemerkt: Ich weiß, dass ich mit der Entscheidung, bei einer Vorhersage von 5-7 Bft. überhaupt auszulaufen, polarisiere. Einige meiner Seglerfreunde schütteln darüber sicher den Kopf. Ich stehe aber nunmal auf dem Standpunkt, dass das Segeln unter rauhen Bedingungen dort, wo das Seegebiet einen sicheren Rückzug in geschützte Bereiche erlaubt, im Ergebnis sogar der Sicherheit dienlich ist. Es ist ein Training für Boot und Crew, das die Erfahrungen (für den auf See nie auszuschließenden) Ernstfall, in dem man unverhofft in wirklich schweres Wetter gerät, vertieft. Wer glaubt, er könne schweres Wetter durch umsichtige Planung ausschließen, ist naiv.

Und last but not least habe ich auch noch meinen Spaß bei der Sache! 😉

Die Fahrt nach Vigo erfolgte dann einen Tag später bei Flaute unter Motor und verlief vollkommen entspannt. Bei strahlendem Sonnenschein konnten wir einmal mehr die wunderschöne Natur dieser Gegend bewundern. Ein fantastisches Segelrevier!!

Vigo liegt ebenfalls eingebettet in eine tolle Naturkulisse, präsentiert sich aber von See kommend trotzdem erstmal relativ hässlich. Hochhäuser und andere unschöne Bauten dominieren das Bild. Das ändert sich jedoch schlagartig, wenn man erstmal in die Stadt eingetaucht ist. Wir liegen in der Marina REAL CLUB NAUTICO und freuen uns nicht nur über einen sehr freundlichen Service. Wir liegen mitten im Herzen der City und dort offenbart sich uns ein völlig anderes Vigo. Ein charmanter Mix aus historischen und modernen Bauten. Viele der älteren Gebäude sind wunderschön erhalten und natürlich gibt es auch enge winklige Gassen, zum Teil mit enormen Steigungen, in denen die Häuser weniger repräsentativ und eben ‚typisch südländisch‘ daher kommen.

Timo und ich genießen dort einen letzten spanischen Kaffee zusammen und dann steigt er in den Bus Richtung Flughafen. Drei Wochen war er mein Begleiter und uns beiden kam diese Zeit rückblickend eher kurz vor.

Ich mache danach neben ‚Vigo genießen‘ an Bord erstmal wieder richtig Klarschiff und bereite das Boot auf die nächste große Etappe vor.

Es soll von hier direkt nach Madeira gehen. Allein. Knapp 700 Seemeilen sind das auf direktem Wege. Die vorhergesagten Winde für die nächste Woche lassen aber eine wesentlich längere zu segelnde Distanz erwarten. Sie wehen entweder aus südlichen Richtungen oder melden sich in großräumigen Flauten zeitweise vollkommen ab. Ich rechne konservativ mit bis zu 10-12 Tagen und bin gespannt, wie es mir für so lange Zeit allein mit dem Boot auf hoher See ergehen wird.

Am Samstag, den 22. Juni werfe ich am späten Nachmittag die Leinen los und segel in die Nacht hinein. Gemeldet ist ein frischer Südwind, den ich nutzen möchte, um Strecke nach Südwesten zu machen.

Pünktlich zum Abend kommt dieser Wind dann auch tatsächlich und schon eine Stunde später binde ich das erste Reff ins Groß. Zunächst gegen Südwestwind aus der Ria Vigo heraus kreuzend, dann später bei Südwind auf Südwestkurs auf den offenen Atlantik hinaus.

Als Vorsegel habe ich schon im Hafen die Genua gegen eine 16 qm Kreuzfock auf der Furlinganlage getauscht. So fühle ich mich als Solo-Segler gut gerüstet für das was da kommen mag.

So geht das für 4-5 Stunden ziemlich gut, bis der Wind nachts immer weiter aufbrist.

Verdammt! Diesmal kommt mir das nicht besonders gelegen. Die See geht immer höher und das Boot muss schwer arbeiten. Inzwischen haben wir immer öfter und immer länger Wind mit 30 Knoten oder mehr.

Und ich? Ich habe zum ersten Mal auf dieser ganzen Reise mit Seekrankheit zu kämpfen. Auch das noch… Ich muss mich zwar nicht übergeben, fühle mich aber unwohl und angeschlagen.

Mir bleibt aber nicht viel Zeit, mich um meine Befindlichkeit zu kümmern.

Neben der Wache an Deck fordert mich zeitweise ein ziemliches Chaos unter Deck.

Wir segeln mit viel Lage auf Steuerbordbug und mein Gemüsenetz ist an Stb-Seite unter der Salondecke angebracht. Die Avocados, die ich in Vigo für die Tour neben anderem Obst und Gemüse eingekauft hatte, wurden durch die harten Schläge permanent gegen die Fensterscheiben im Salon gehämmert und fanden sich irgendwann als Püree auf der ganzen Steuerbordseite verteilt wieder. Schränke und Polster – alles voll mit Avocadocreme… Bäääh!!

Irgendwann höre ich zudem von der Backbordseite ungewöhnliche Geräusche. Das Holz der Inneneinrichtung begann auf Höhe des achteren Unterwants zu arbeiten. Etwas, was es auf HavLys so noch nicht gegeben hat.

Ich bin dann raus an Deck. Das Boot bockt wie ein wildes Pferd. Gesichert an der Lifeline arbeite ich mich auf Knien über Luv zum Mast vor, um das Rigg zu checken. Hier wirkt jedoch alles fest. Allerdings kann ich im Schein meiner Kopflampe beobachten, dass immer dann, wenn wir mit der Stb-Seite in eine See krachen, das vordere Unterwant an Stb-Seite (also auf der Leeseite) für einen kurzen Moment etwas lose kriegt. Auch das ist eigentlich auf meinem Boot ungewöhnlich. Ich komme aber zum Ergebnis, dass im Moment keine Gefahr droht und beschließe, die Sache zu beobachten und bei Tageslicht näher zu untersuchen.

Irgendwann ist diese Nacht überstanden und der Wind hat sich gelegt. Das nutze ich erstmal, um mich selbst zu regenerieren. Mein Körper fühlt sich an, als hätte ich mit einem Bären gerungen und ich schlafe bei jeder Gelegenheit, in der ich es mir irgendwo gemütlich mache, ein.

Am dritten Tag, inzwischen haben wir hochsommerliche Dauerflaute und Havlys wiegt sich sanft in einer alten Dünung, ist da noch immer dieses regelmäßige Knurbsen der Holzverkleidung auf Backbordseite. Das achtere Unterwant wirkt ein klein wenig lockerer als auf der gegenüberliegenden Seite. Hmmm. Das lässt mir doch keine Ruhe…

Ich räume Polster und Gepäck weg, baue die Verkleidung ab und entferne auch die aufgeklebte Isolierschicht.

Dann offenbart sich mir ein ernstes Problem. Das Unterwant-Pütting, das mittels eines stabilen Dreieckswinkels mit dem Rumpf verbunden ist, um die auftretenden Kräfte großflächig einzuleiten, hat begonnen, sich in der Mittelsektion zu delaminieren. Nur noch oben und unten ist jeweils noch Laminat fest am Rumpf verbunden. Das ganze Bauteil wird bei jeder Welle mittig ein wenig vom Rumpf weggezogen. Deswegen also die verringerte Spannung am Want. Deswegen auch nachts das Phänomen, dass das vordere Steuerbord-Unterwant beim Aufprall auf die See jeweils für einen kurzen Moment lose kriegte. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde nicht mehr hinreichend gegengehalten.

Mist!!! So kann ich nicht nach Madeira segeln! Nicht mit einem angeschlagenen Boot.

Daher fällt die Entscheidung, Kurs auf Lissabon zu nehmen, wo der Schaden vor der nächsten Ozean-Etappe gründlich behoben werden soll.

Ich ziehe das Kutterfall von vorne über Stb unter den Salingbeschlag um den Mast herum, führe es bis auf die Aluschiene neben dem Want-Pütting und hole es über die Winsch kräftig durch. So habe ich mir notdürftig für Bb-Seite ein zweites Unterwant geschaffen, um das angeschlagene Want zu entlasten. Dort löse ich die Spannschraube etwas, um weitere Schäden zu minimieren.

Zugegeben. Ich bin einigermaßen genervt und frustriert.

Vielleicht mute ich meiner treuen Lady auf dieser Reise doch zuviel zu?

Die letzten zwei Monate waren ja auch ein ziemlicher Härtetest für das Boot. Immer wieder in rauhem Wetter hoch am Wind. Oft über viele Stunden. Insgesamt schon über hunderte von Seemeilen.

Andererseits kann ich vielleicht ganz froh sein, auf eine weitere Schwachstelle aufmerksam geworden zu sein. Denn wer weiß, was noch alles vor mir liegt…

Und außerdem: Ich wollte ein Abenteuer. Jetzt habe ich mein Abenteuer. Das ist eben keine Pauschalreise hier. Auch kein gemütlicher Segelsommer auf der Ostsee. Das war vorher klar und auch so von mir gewünscht. Also irgendwie doch kein Grund zum Klagen!

Und darüber, wie es mir in Lissabon ergangen ist, werde ich dann im nächsten Artikel berichten. Nur soviel sei jetzt schon verraten: Lissabon ist wunderschön und gut zu mir…

10 Kommentare

  • Peter Weber says:

    Moin Ralf,
    Wie immer liest sich dein Reisebericht wie ein spannender Roman. Ich wünsche dir viel Erfolg bei der Reparatur.
    Gruß Peter

  • Rampf Michael says:

    Ralf, mehr Abenteuer geht wohl kaum. Wir fiebern weiter mit, jetzt kannst du auch mal Glück gebrauchen. Nur Du kannst vor Ort Risiko und Spaß abwägen. Toi Toi Toi
    M

  • Swantje Kock says:

    Und wieder ein toller Artikel, der einen das Gefühl vermittelt irgendwie dabei zu sein. An dieser Stelle – Vielen Dank dafür! Finde es klasse, das du trotz all der „Strapazen“ weiterhin positiv gestimmt bist, du die Reise / Abenteuer weiterhin genießt und den Spaß dabei nicht verlierst!

    Ich steige jetzt gleich in den Flieger zu dir und freue mich, dich nach mehr als 2 Monaten wieder in die Arme schließen zu können! Bis in ein paar Stunden. ❤️

  • Britta says:

    Ich wünsche euch Beiden eine wundervolle, entspannte Woche auf Madeira!!☀️⛵️☀️
    In 5 Wochen werde ich dich auch endlich wieder in die Arme schließen können und mein ganz persönliches Abenteuer auf HavLys starten.
    Ich weiß immer noch nicht, ob ich verrückt bin, wenn ich deine Berichte so lese. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass ich dir an Bord absolut vertrauen kann!!
    Deshalb freue ich mich schon!😘

  • Hans Braun says:

    Wieder ein kurzweiliger und spannender Bericht, lieber Ralf! Und was einen richtigen Seemann nicht erschüttern kann, Du bist das beste Beispiel dafür, schon dass Dir die Herausforderungen Spaß machen. Aber nicht übertreiben:-)))
    Wie schön, dass Du in Lissabon Station gemacht hast, auch wenn unfreiwillig. An Lissabon habe ich noch sehr gute und erlebnisreiche Erinnerungen aus meiner Seefahrtszeit.
    Nun wünsche ich Dir mit Deiner Swantje einen tollen Törn nach Madeira, ohne Bkesszren:-)))
    Liebe Grüße von Föhr, Hans

    • Ralf Kock says:

      Ahoi Hans! 🙋‍♂️
      Bin gestern in den frühen Morgenstunden auf Madeira angekommen. Solo. Unterwegs teilweise mächtig hohe Seen, aber keine Schäden. 😉
      Bericht folgt…
      Swantje ist erst hier auf Madeira dazugestoßen. Wir machen ne Woche zusammen Island-Cruising im hiesigen Archipel… 😎

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