The English Channel – 442 Seemeilen hoch am Wind

von Ralf Kock am 05.06.2019 / in Allgemein
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Wir sind endlich in Falmouth. Wir, das sind inzwischen HavLys, Timo und ich. Timo, ein Freund, Sportkletterer und Abenteurer, war in Cowes / Isle of Wight dazugestoßen.

10 Tage ist es her, dass ich in Niewpoort / Belgien stirnrunzelnd auf die Wetteraussichten geblickt habe und mir schwante, dass der Weg nach Westen kein gemütlicher Spaziergang werden wird. So etwa kam es dann auch, wenn auch nicht ganz so schlimm, wie zunächst befürchtet.

Der Ärmelkanal hat es uns mit quasi permanenten Westwinden zwar nicht gerade besonders leicht, aber eben auch nicht unmöglich gemacht. Zudem wurden wir auch immer wieder mit schönen Abschnitten belohnt.

Aber ich gehe am besten nochmal ganz zurück zum Anfang dieser längeren Zwischenetappe, also dem Start von Niewpoort, den ich doch als, wie soll ich sagen, etwas speziell erinnere.

Niewpoort – Sonntag, der 26. Mai. Die erste üble Windvorhersage ist schon mal voll eingetroffen. Die Sonne scheint zwar, aber untermalt von beeindruckender Akustik in den Masten und in den Liegeplätzen tanzenden Yachten. Ein ziemlich starker Südwestwind weht da draußen. An Auslaufen ist nicht zu denken.

Die einzige Wetterberuhigung soll zur Nachtzeit stattfinden, bevor spätestens morgen Nachmittag wieder die nächste Düse eingeschaltet wird. Hmm…

Ich habe nicht vor, mir das für längere Zeit untätig anzuschauen. Es zieht mich einfach nach Westen. Also muss ich die Gelegenheiten nehmen, wie sie kommen.

Gegen zwei Uhr morgens soll der Wind sogar für einige Stunden auf Nord drehen, bis er wieder auf West geht. Die Tide würde auch mitlaufen. Klingt eigentlich ganz gut.

Der Wind soll ab 21 Uhr abflauen. Ich denke daher über ein Auslaufen gegen 22 Uhr nach.

Bis dahin noch ein wenig Ruhe tanken…

Als um 21 Uhr mein Wecker klingelt, beschließe ich, erstmal liegen zu bleiben. Da draußen ist einfach noch zuviel los. Sollten sich die Wettermodelle getäuscht haben?

2 Stunden später hat es dann aber tatsächlich abgeflaut. Die giftigen Böen werden immer seltener und haben an Intensität verloren. Ich stehe auf und mache seeklar.

Als ich dann gegen Mitternacht den langen kanalartigen Vorhafen in dunkler Nacht bei total bedecktem Himmel und Sprühregen in Richtung See fahre, ist mir aber doch wenig mulmig.

Ist das wirklich schon ruhig genug da draußen? Einzelne Böen lassen HavLys noch spontan auf die Seite krängen, die ersten Seen laufen mir entgegen und lassen das Vorschiff schon etwas tanzen. Ich habe das Groß ungerefft flach wie ein Brett getrimmt und will unter Motor und Segelhilfe mit einer ‚dänischen Kreuz‘ gegen den Wind vorankommen.

Im Bereich der Molenköpfe ist noch reichlich Licht vorhanden, dahinter nur das schwarze Nichts…

Kaum bin ich aus der Mole heraus, geht ein ziemlicher Rodeo-Ritt los. Die Zweifarbenlaterne am Bug strahlt immer wieder diffus gegen Wasserwände, die sich vor dem Bug aufbauen, Sekunden später den Bug hochkatapultieren, uns hart landen lassen und das ganze Boot in Gischt hüllen. So geht das in einer Tour. Ist ja eigentlich klar. Mitlaufender Strom bei Wind von vorne macht eben nunmal steilen Seegang.

Zum Seegang im Allgemeinen muss man dem Laien vielleicht nochmal erklären, dass dieser praktisch nie gleichförmig ist. Die meiste Zeit haben die Wellen eine bestimmte Größe, die für die aktuellen Wind- und Strömungsbedingungen typisch ist. Jedoch ist ebenso typisch, dass mit schöner Regelmäßigkeit Gruppen von besonders hohen Seen, die dicht aufeinander folgen, auftreten. Diese Seen können durchaus bis zur doppelten Höhe der anderen Wellen reichen.

HavLys macht ihre Sache gut, was aber nicht verhindern kann, dass wir gelegentlich bei solchen Wellengruppen einige besonders harte Landungen hinlegen, wenn schon die nächste steile See in kurzem Abstand folgt. Die Buglaterne verschwindet dann komplett unter Wasser während der ganze Bootskörper kracht und erzittert. Bei diesen Gelegenheiten schaufelt das ganze Vorschiff Wasser, während vorne auch der letzte Lichtschimmer verschwindet und im Cockpit kommen Sturzbäche angeschossen, die heftig gegen das Sprayhood trommeln.

Okay, ich gebe zu, dass ich zu diesem Zeitpunkt definitiv meine Komfortzone verlassen habe. Bei dieser totalen Dunkelheit um uns herum wirkt dieses ganze Szenario irgendwie spuky. Das hätte ich hier doch wenigstens etwas ruhiger erwartet.

Ich sicher mich im Cockpit mit dem Lifebelt und überzeuge mich selbst davon, dass das hier bei Lichte betrachtet eigentlich nicht gefährlich ist, sondern nur eben ziemlich unangenehm für Boot und Crew.

Und es sieht in dieser Dunkelheit einfach besonders übel aus.

Außerdem falle ich etwas ab, um die Seen bei schrägerem Winkel wenigstens etwas besser nehmen zu können. Das klappt halbwegs gut.

Der Wind weht noch ungefähr mit 15-20 Knoten. In Böen vielleicht auch noch bis 25 Knoten. Aber die werden langsam immer seltener.

So arbeite ich mich die ersten Stunden gegen den Wind kreuzend Meile um Meile voran und als ich um viertel vor fünf den Fährhafen von Dünkirchen querab habe, hat sich das Szenario schon deutlich gewandelt. Hier ist die See viel ruhiger.

Den versprochenen Winddreher auf Nord konnte ich allerdings nur für ne knappe Stunde bei ausgeschaltetem Diesel segelnd genießen, bis sich der gute alte Westwind wieder zum Dienst meldete. Also wieder Motor an zur ‚dänischen Kreuz’…

Der Rest dieser Etappe verläuft ruhig und ist schnell erzählt. Ab Calais sehe ich förmlich, dass ich hier in ein ganz anderes Meer eingefahren bin.

Die Farbe des Wassers! Sie ist komplett anders. Irgendwie bläulich-grün.

Klasse!

Mein Herz macht einen Freudensprung und als ich mittags bei herrlichem Sonnenschein nach 69 Seemeilen in den Hafen von Boulogne-sur-Mer einlaufe, habe ich die wohltuende Gewissheit, den Zeitpunkt zum Auslaufen trotz der anfangs ungemütlichen Umstände richtig gewählt zu haben.

In Boulogne-sur-Mer nutze ich dann den Rest des Tages zur Erholung. Auf größere Erkundungstouren verzichte ich. Die Stadt wirkt vom Hafen aus betrachtet nicht sooo attraktiv und ich will gleich morgen weiter.

Ein Westnordwestwind macht einen langen Schlag nach Südwesten möglich. Dafür brauche ich neue Kraft.

Als ich am nächsten Morgen auslaufe, sehe ich vereinzelte Wellen über die hohen Mauern des Vorhafens brechen.

Ooops. Offenbar hat der nächtliche Nordwest nachts ganz ordentlich geweht.

Jetzt sind es nur noch 4 Windstärken und die Sonne scheint. Also freundliche Bedingungen. Trotzdem steht vor dem Hafen noch eine ordentliche See, wie man auf diesen Bildern sehen kann:

Der Wind erlaubt es mir, bis zum späten Abend bis Fécamp, unweit von Le Havre, zu kommen und längst steht meine Entscheidung fest, dass ich die Nacht durchsegeln werde.

Der Wind hält die Richtung, soll nach einer kurzen Flaute rückdrehen und sich für den kommenden Tag auf westliche Richtung stabilisieren. Damit lädt er zum großen Sprung über den Kanal nach England ein.

Vielleicht ist Brighton realistisch. Mal sehen. Hauptsache erstmal England!

Dort möchte ich Timo treffen.

Im Idealfall auch noch etwas Zeit im Solent verbringen können. Dort war ich vor zwei Jahren auf einem Überführungstörn bei schönstem Wetter nur durchgefahren und schwer beeindruckt von der Schönheit der Isle of Wight, dem Needles Channel und der offensichtlich segelverrückten Grundatmosphäre gewesen.

Und tatsächlich erlauben es die Bedingungen des nächsten Tages, den Solent direkt anzusteuern. Klasse!

Die Querung der Hauptschifffahrtsroute gelingt auch ohne Probleme. Die Kursabsprachen mit einzelnen Schiffen verlaufen sehr entspannt. Hier ist ja viel Platz. Kein Vergleich zu den Ansteuerungen von Rotterdam oder Antwerpen.

Allerdings begrüßt mich der Solent zum Abend nicht gerade freundlich. Der Himmel 

ist tiefgrau, Nieselregen und der Wind nimmt immer weiter zu.

Dazu kommt der Tidenstrom von vorne und erzeugt einen beeindruckend steilen Seegang. Wir sind bei Windböen bis 30 Knoten (Windstärke 7) ziemlich überpowert, so dass ich schließlich das bis dahin ungereffte Groß einfach ganz berge. Nur unter eingereffter Genua geht es weiter. Das ist zwar nur ein Kompromiss, aber egal. Wir machen noch immer gute Fahrt, ich bin müde und wir sind ja bald am Ziel…

 

Als am 29.05. um 20:30 Uhr englischer Zeit vor Cowes im Schutz der hohen Küste der Isle of Wight der Anker fällt, fühle ich mich allerdings ziemlich getoastet.  173 Seemeilen hoch am Wind, nur unterbrochen von 3 Std. Flaute, und 35 Stunden Fahrt liegen seit Boulogne-sur-Mer hinter mir. Reicht erstmal!!

Trotzdem. Hey, endlich England!! Und dann auch gleich der Solent! Ich spüre den süßen Geschmack des Erfolges auf der Zunge und ziehe die englische Flagge hoch.

Am nächsten Morgen laufe ich dann bei strahlendem Sonnenschein in Cowes ein.

Sorry, ein geiles Gefühl!

Cowes ist eines der Mekkas des englischen Segelsports. Startpunkt des alljährlichen und legendären Fastnet-Races.

Das hier ist das erste wirkliche Zwischenziel meiner Reise. Hier werde ich mir etwas Zeit nehmen. Ein perfekter Ort, um neue Kraft zu tanken, die besondere Atmosphäre zu genießen, kleinere Arbeiten an Bord zu erledigen und um Timo, der mit mir die Biskaya überqueren will, an Bord zu empfangen.

 

 

 

 

Es ist übrigens wie immer im Leben.

Aus der Ferne betrachtet, habe ich über die Engländer und das ganze Thema rund um den Brexit oft genervt den Kopf geschüttelt.

Aus der Nähe betrachtet, ist das hier schon ein stolzes und faszinierendes Land, das mir (ohne die Meinung zum Brexit im Kern geändert zu haben) einmal mehr Respekt abnötigt und mich die ‚britische Volksseele‘ etwas tiefer verstehen lässt.

            

 

 

 

 

 

Irgendwann ist es dann soweit. Ich fühle mich gut erholt, habe Cowes kennengelernt, die gewünschte Dosis englischer Atmosphäre aufgesogen, alle Jobs sind erledigt und Timo ist inzwischen auch richtig an Bord angekommen.

Es juckt uns beide, auszulaufen.

Am Sonntag, den 2. Juni werfen wir die Leinen los und sind entschlossen, die Strecke bis Falmouth in einem Rutsch zu segeln.

Im 2-Wachen-Betrieb sollte das gehen. Wir teilen den Tag in 6 Stunden-Wachen ein. Ich gehe von 09-15 und 21-03 Uhr.

Die Reise beginnt gleich mit einer Kreuz nach Westen in Richtung Needles Channel aus dem Solent heraus.

Kaum sind wir aus dem Schutz des Hafens, weht uns der frische Westwind mit 20-25 Knoten entgegen und wir rüsten auf die Kutterfock um.

Jetzt bringt die Sache richtig Spaß und wir sacken eine Tourenyacht nach der anderen, alle deutlich größer als wir, ein.

Diese Kutterfock von UK-Sails ist einfach ein superklasse Segel zum Aufkreuzen.

Die anderen Boote quälen dagegen ihre gerefften Furlingsegel, die im Vergleich wie ein Sack stehen, und mühen sich mit hohen Querkräften und starken Kränkungswinkeln ab, während wir viel höher an den Wind gehen können, ohne an Fahrt zu verlieren.

Im Needles Channel reißt uns der Tidenstrom, den wir natürlich gezielt ausnutzen, förmlich mit und beschleunigt uns auf bis zu 8,8 Knoten Fahrt über Grund.

Im weiteren Verlauf der Reise können wir großräumige Winddreher und Tidenwechsel taktisch so geschickt ausnutzen, dass unsere Kurslinie hoch am Wind (von einigen Ausnahmen abgesehen) oft erstaunlich geradlinig nach Westen verläuft.

Der Preis, den wir dafür zahlen ist, dass wir dadurch zwangsläufig bei Portland und Start Point in die Nähe der berüchtigten ‚Tidal-Races‘ kommen.

Dabei handelt es sich um solche Gebiete, in denen die ohnehin schon starken Tidenströme derart beschleunigt werden, dass teilweise das Meer förmlich aufkocht und im Extremfall, also bei Springtide, schon bei relativ ruhigem Wetter ein für kleine Yachten gefährlicher Seegang entstehen kann. Im Fall der englischen Südküste sind dies die Landnasen, die nach Süden in den Ärmelkanal hineinreichen. Oft sind die Verhältnisse dort in einem Abstand von 0,5 – 3 Seemeilen südlich des jeweiligen Kaps zumindest ungemütlich, manchmal eben auch gefährlich.

Die Races sind je nach Location unterschiedlich stark ausgeprägt.

Das Race am Portland Bill gilt als besonders berüchtigt. Hier verlagern sich die Gefahrenzonen je nach Tidenphase von Südwest bis nach Südost vom Kap aus gesehen.

Zu unseren dort gemachten Erfahrungen gibt es eine kleine Anekdote, die ich mit Timos Erlaubnis auf diesem Blog teilen möchte.

Wir waren Sonntagabend auf Nordwestkurs bis kurz vor Portland Harbour gesegelt, um dann zu wenden und mit Südwestkurs entlang der Halbinsel von Portland fortzusetzen. Jetzt lief die Tide genau mit uns und wir freuten uns über gutes Vorankommen bei vielleicht 15 – 20 Knoten Wind.

Vor uns lag das berüchtigte Seegebiet vor Portland Bill. Aber ich hatte natürlich nicht vor, in solch ein Race hineinzusegeln. Also aufpassen und die gefährlichen Zonen meiden, so zumindest der Plan…

Wir hatten ungefähr 2-2,5 Stunden nach HW Portland und zu diesem Zeitpunkt sollte lt. Strömungstabelle des Reeds Nautical Almanc auf unserem Kurs kein Race liegen. Nur 1-1.5 Stunden später würde sich dies allerdings ändern…

So gegen halb neun Uhr, ich war gerade im Begriff meine Freiwache ausklingen zu lassen und schmierte unter Deck einige Brote für uns, während Timo oben im Cockpit auf Wache war, als sich ganz offensichtlich der Seegang anfing, zu verändern.

HavLys begann hin und wieder, richtige Seen hinaufzuklettern und es entwickelte sich etwa folgender Dialog:

Ich (unter Deck): Der Seegang wird ja doller.

Timo (im Cockpit): Jooaa, die Engländer haben hier eben schlechte Wegstrecken…

Erstmal schweigen und weiter Brote schmieren, als das Boot auch schon über wieder über den nächsten Wellenrücken springt und mir Messer, Schwarzbrote, Käse und Butter verrutschen, während ich mich festhalten muss.

Ich (nachdenklich): Timo, wie sieht das voraus aus?

Timo: Was meinst du?

Ich: Naja, wie sieht die See voraus aus?

Timo: Die Wellen werden halt höher.

Ich: Das kann auch daran liegen, dass wir langsam aus dem Landschutz herauskommen.

Sieht das vorne denn irgendwie gefährlich aus? Ich meine wegen des Races.

(schon lief die nächste dicke See unter uns durch)

Timo (nachdenklich): Nöö… Keine kochende See… – Naaja, da vorne sehe ich ab und zu mal ne brechende Welle.

Ich: Wie brechende Welle? Beschreib mal genauer.

Timo: Naja, brechende Wellen eben.

Ich: Ich komm gleich mal hoch und sehe mir das mal selbst an.

Als ich kurz darauf Lebensmittel und Werkzeug in der Kombüse gesichert habe und endlich im Cockpit neben Timo stehe, kriege ich akute Schnappatmung. Direkt vor uns breitet sich ein sprichwörtlich gegen den Strich gebürstetes Meer voller steiler Seen aus. In etwas größerer Entfernung, aber genau auf unserem Kurs, sehe ich einzelne Seen, die sich fast senkrecht aufstellen und hohl zu brechen beginnen. Ich schätze sie auf mindestens 3 Meter Höhe.

Verdammt! Wenn wir so weiterfahren, gibt das garantiert Bruch am Boot. Da vorne haben wir nichts verloren. „Weg hier!“ rufe ich und falle sofort um 50 Grad nach Backbord ab. Der neue Kurs führt uns aus der Gefahrenzone heraus und wir umfahren ab sofort das potenziell gefährliche Gebiet in einem respektvollen Sicherheitsabstand.

Alter! Das war doch knapper als geplant. Da waren wir ja quasi schon in den Vorgarten eines sich im Aufbau befindenden Races geraten…

Schönes Beispiel auch für Kommunikation, oder: Wie kann man trotz allen Bemühens gepflegt aneinander vorbei reden….

Später in Falmouth werden Timo und ich beim Einlaufbier über die unfreiwillige Komik dieser Situation laut und herzhaft lachen.

Was lernen wir daraus?

Es gilt bei solchen Races nicht nur einen räumlichen, sondern auch einen zeitlichen Sicherheitsabstand einzuhalten. Sich bis auf eine Stunde an ein ausgewiesenes Race-Phänomen heranzurechnen, ist also ganz offensichtlich zu knapp.

 

In der darauf folgenden Nacht ergibt sich gegen zwei Uhr morgens weit draußen im Ärmelkanal noch einmal eine nicht ganz ungefährliche Situation.

Ich habe Wache.

Um uns herum ist gelegentlich Schiffsverkehr zu sehen. Vor einer Stunde konnte ich sogar beobachten, dass uns dank unseres AIS-Signals ein 200m Tanker bei sich anbahnender Nahbereichslage ausgewichen ist. Ich wollte gerade nach unten gehen, um ihn über VHF zwecks Kursabsprache anzurufen, als er plötzlich den Kurs änderte und uns in einem weiten Bogen umfuhr. Respekt!

Später beobachte ich dann seit einiger Zeit ein grünes Licht an Backbord voraus, das noch weit entfernt zu sein scheint, sich aber offenbar langsam bei ungefähr stehender Peilung nähert.

Ich gehe von einer Dreifarbenlaterne im Masttop einer Segelyacht aus. Auch wir führen nachts unter Segel solch eine Laterne im Masttop.

Aus Erfahrung weiß ich, dass die Entfernung zu einem Objekt bei dieser Art der Lichterführung nur äußerst schwer abzuschätzen ist. Das Problem ist dabei die unbekannte Höhe des anderen Mastes.

Das AIS schweigt. Kein Alarm. Seltsam.

Beunruhigt gehe ich kurz unter Deck und checke das Gerät. Dort wird in unserer Nähe nur ein Fischer angezeigt, den ich auch optisch schon gesehen hatte. In Richtung des grünen Lichtes ist aber nichts auf dem Schirm zu sehen… Ich also wieder hoch ins Cockpit.

Jetzt wirkt das Licht schon deutlich näher und ich hake den Windpiloten aus, um von Hand zu steuern. Da wir auf Steuerbordbug segeln, muss ich ohnehin bereit sein zum Ausweichen. Das ist aber nicht so einfach, weil ich den Kurs der anderen Yacht nur sehr schwer einschätzen kann. Ich stelle mein Boot mehrfach kurz in den Wind und sehe was passiert. Das reicht aber nicht. Die Verkehrslage wird dadurch nicht klarer. Ich merke langsam, dass das eng wird.

Kurzentschlossen wende ich durch und fahre mit backstehender Fock einen Vollkreis.

Diesmal reicht es und die Peilung des anderen Objektes wandert deutlich aus.

Kurz darauf erkenne ich voraus schemenhaft einen weißen Rumpf. Die Yacht ist auf Vorwindkurs mit beidseitig ausgebaumten Segeln unterwegs und kreuzt nur ca 20-30 Meter vor uns den Kurs. Als wir wieder Fahrt aufnehmen, kommen wir ihr noch etwas näher. Ich kann in ihrem Cockpit fast die rot beleuchteten Anzeigen von Kompass und Logge ablesen, sehe aber keine Menschenseele.

Wie ein Geisterschiff entschwindet die Yacht allmählich in die Dunkelheit, ohne dass von dort irgend eine Reaktion erfolgt wäre.

Puuuh!

Vermutlich verschläft da jemand gerade seine Wache und wird sich später darüber freuen, nachts kaum andere Fahrzeuge getroffen zu haben. Für mich unfassbar, hier in diesem Gewässer auf diese Weise (vermutlich schlafend) und offenbar, ohne zumindest selbst einen AIS-Empfänger mit Alarm zu betreiben (sonst hätte unser Signal ihn längst geweckt), herumzufahren.

Der Rest der Reise verläuft ohne weitere nennenswerte Zwischenfälle.

Abgesehen vielleicht von der Passage von Start Point, als wir uns gemeinsam mit anderen Yachten bei strahlenden Sonnenschein schon wieder in sich schlagartig verändertem Seegang wiederfinden.

Vorher leichte Windsee von vielleicht 0,5 Meter bei 3-4 Bft, gemischt mit einer alten sehr langen Dünung. Easy Sailing. Plötzlich wieder steile Wellen, zum Teil Kreuzseen bis zu 2 Meter Höhe. Nichts Gefährliches. Aber doch eine weitere Lehrstunde zu den Effekten in den Race-Zonen.

Am Ende werden wir diese Etappe in Falmouth zur Nachtzeit nach 40 Stunden und 199 Seemeilen ab Cowes beenden, ohne auch nur für eine Stunde unter Motor gelaufen zu sein. Letzteres übrigens genauso auch auf den 173 Meilen von Boulogne-sur-Mer nach Cowes.

Na, wenn das keine gute Klimabilanz des Reisens ist…

Ach ja, beim nächtlichen Einlaufen in den Hafen merkte ich, dass es irgendwo unterwegs unsere Zweifarbenlaterne am Bug weggerissen hat. Die Laterne, die die Zumutungen in der Elbe und vor Niewpoort noch klaglos weggesteckt hatte. Das mag ein kleiner Beleg dafür sein, dass die Wegstrecke, um mit Timos Worten zu sprechen, unterwegs manchmal doch ganz schön schlecht war…

Jetzt, hier in Falmouth, erholen wir uns erstmal im noch immer sehr kühlen englischen Frühsommer. Es stehen wieder einige Jobs an Bord an, um das Boot und uns möglichst fit für den Atlantik zu machen.

Vor uns liegt die Biskaya, die wir überqueren wollen. Das Wetter ist derzeit alles andere als beständig. Ein Tiefdrucksystem nach dem anderen zieht durch. Nicht immer gleich mit Starkwind. Aber doch öfter mal und mit viel Potenzial für spontane Änderungen. Das machen die Auswertungen der verschiedenen Wettermodelle über mehrere Tage sehr deutlich.

Zu meiner Überraschung ist keine der anderen Yachten in diesem Hafen auf gleichem Kurs wie wir. Das hatte ich eigentlich anders erwartet.

Ich verspüre tiefen Respekt vor der Überquerung. Das gebe ich zu. Da sind gewissenhafte Vorbereitungen angesagt.

Nun ja, ich werde wieder berichten…

4 Kommentare

  • Felicitas says:

    Hey Ralf,
    sehr schöner Blog… da fiebern wir ja richtig mit und drücken die Daumen für die weitere Reise. 🤞
    Die Races klingen ja gruselig 😱
    Alles Gute und einen gnädigen Wettergott wünscht die Crew von Haikutter Dana😅😊

    • Ralf Kock says:

      Hi Felicitas, ahoi Dana!
      Danke für das Kompliment und eure mentale Begleitung. 👍😊
      Wenn ich irgendwann mal wieder in Flensburg bin, werde ich gerne mal bei euch an Bord vorbeischauen… 😉🙋‍♂️

  • Hans Braun says:

    Lieber Ralf,
    zunächst herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag 🎉🎊🥂🍻 Wenn ich das richtig sehe, dann feierst Du diesen im Baskenland. Ich stoße jedenfalls auf Dich an.

    Zu Deinem Blog: Es ist als wäre ich mit an Bord. Dein beeindruckender und lebhafter Törn-Bericht reißt einen richtig mit. Du solltest am Ende ein Buch veröffentlichen:-)) Toll wie das meistert!!! Und man kann Deinen Zeilen entnehmen, mit welcher Begeisterung Du diesen Törn wahrnimmst und alles genießt. Gerade auch die Herausforderungen und die Gewalten der See. Das ist Deine Welt!!! Mach weiter so, habe weiter viel Spaß mit Timo (viele Grüße auch unbekannter Weise) und möglichst eine gute See auf 5 Deinen weiteren Zielen!!!
    Liebe Grüße von Föhr, Hans

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