Solo zum neuen Baum – und dann wurde es doch noch mal richtig spannend…

von Ralf Kock am 26.05.2019 / in Allgemein
4

Nieuwpoort in Belgien am Samstag, den 25. Mai. Ich sitze im Cockpit und genieße leicht groggy die warme Sonne.

Gerade mal 5 Tage ist es her, als ich Roy im Hafen von Scheveningen verabschiedet habe, weil seine verfügbare Zeit von immerhin 2 1/2 Wochen zu Ende ging.

Verrückt, wenn man bedenkt, dass wir zu dem Zeitpunkt im Idealfall schon in Falmouth, mindestens aber irgendwo in England sein wollten.

Mit kommt es fast vor, wie eine kleine Ewigkeit. Aber die Tage seitdem waren auch…, wie soll ich sagen, …ziemlich intensiv.

Auf der Etappe von Ijmuiden nach Scheveningen kriegten wir erstmal gleich wieder das ‚richtige‘ Nordsee-Feeling serviert. Bedeckter Himmel, kühl, frischer Nordwest und bewegte See. Wir waren beide erstaunt, wie schnell wir doch durch unsere heimelige Tuckerei in den Kanälen entwöhnt worden waren. Insofern, liebe Nordsee, danke für diese spontane Gelegenheit zur Re-Adaption.

Die Außenmole Scheveningens öffnet sich nach NW direkt in die offene See. Und so gierten wir dann bei steiler achterlicher See mit schrägem Kurs, einem tidebedingten kräftigen Querstrom vorhaltend, dort hinein und ich dachte mir, dass diese Ansteuerung bei Starkwind oder Sturm aus W-NW eher zu einem Selbstmordunternehmen geraten dürfte.

Dafür bietet der Hafen, der sicher nicht zu den schönsten Spots an der Küste zählt, drinnen sehr guten Schutz. Als kleine Entschädigung für die wenig heimelige Atmosphäre hielt er aber eine Überraschung für mich bereit.

 

Schräg gegenüber lag nämlich mit der „ohpen maverick“ eine Berühmtheit.
Mit diesem Boot, einer Rustler 36, hat in diesem Frühjahr der Niederländer Mark Slats das Golden Globe Race, Einhand Non-Stop um die Welt, erfolgreich beendet und hat es auf den zweiten Platz gebracht. Wahnsinn, was für eine Leistung!!

However, Roy zog am Montagmorgen Richtung Bahnhof von dannen und ich machte mich in aller Ruhe klar zum Auslaufen zur nächsten Etappe, die mich in den nördlichsten Nebenarm des Schelde-Mündungsdeltas führen sollte.

 

Wieder war die See bewegt,

 

 

dazu ging die Sicht ab dem Nachmittag auf weniger als 2 Seemeilen herunter. Ausgerechnet, als ich bei Hoek van Holland den Tiefwasserweg nach Rotterdam queren will.

Mein AIS war quasi im Dauer-Alarm-Modus. Eine Nahbereichslage nach der anderen wurde angekündigt. Die ganz großen Pötte bleiben im Tiefwasserweg, aber die mittelgroßen Dampfer (und da rede ich durchaus von Schiffen von 150 – 200 m Länge) schießen dort mit 15 – 20 Knoten Fahrt trichterförmig in alle Richtungen heraus bzw. von See kommend auf die Einfahrt zu. Und ich mit nur 5 Knoten Fahrt über Grund mittendrin.

In der Praxis sah das etwa so aus:

Vor Annäherung hat man sich tunlichst bei der Verkehrszentrale „Maas Entrance“ angemeldet. Die sehen mich dank aktivem AIS auf ihrem Schirm. Mein AIS ist im 3 NM (Seemeilen) Range geschaltet und gibt Alarm. Auf dem Screen sehe ich viele Objekte. Mehrere davon werden schwarz (steht für gefährlich) dargestellt. Ich ticker die Objekte nacheinander an und erfahre jeweils die berechnet dichteste Annäherung (CPA) und die verbleibende Zeit bis dahin (TCPA).

Für den dichtesten Pott heißt es da CPA 0,2 NM, TCPA 4 Minuten. Er kommt von See. Puuh, das ist eng. Ein Schiff mit 20 Knoten Fahrt braucht für eine Seemeile gerade mal 3 Minuten.

Ich rufe ihn über VHF an und vereinbare, dass er vor mir durchfährt und ich sein Heck passiere.

Ich kletter ins Cockpit, ändere meinen Kurs nach Stb, spähe in die Richtung aus der er kommen wird und sehe… nichts!

Ich wieder runter ans AIS, jetzt ist er nur noch etwas mehr als eine Meile entfernt und TCPA liegt bei 3 Minuten.

Schnell wieder hoch – verdammt, wo bleibt der denn?? Da schält sich der Riese durch den Dunst.

Mann! Die Sicht ist aber auch echt bescheiden. Mein AIS piept schon wieder. Drei weitere Alarme sind inzwischen aufgelaufen. Als ich den nächsten Dampfer anrufen will, spricht mich „Maas-Entrance“ an, macht auf die nächsten drei Schiffe aufmerksam und empfiehlt, alle drei abzuwarten. Das werde ich natürlich befolgen und drehe, Maschine auf Standby eingeschaltet, erstmal bei. Trotzdem ein unschönes Gefühl. In dichtester Entfernung viel Schiffsverkehr und ich sehe die Schiffe immer erst, wenn sie schon sehr nah dran sind. Der Funkkanal ist sehr stark frequentiert. Mit jedem einzelnen Schiff zu sprechen, ginge gar nicht.

Als diese drei durch sind, will ich gerade wieder auf SW-Kurs gehen, um das Fahrwasser im Winkel von 90 Grad zu queren, als unten im Boot schon wieder der nächste Alarm losgeht. Verdammt. „Maas Entrance“ ruft mich an und fragt, wie ich mit dem nächsten Schiff umzugehen gedenke. Ich antworte sinngemäß ‚I’m just going to keep clear – if you have an advice for me, I’ll follow…‘ Den advice hat er für mich. Er empfiehlt freundlich, jetzt mit Südkurs diagonal den Wasserweg zu kreuzen, er wird das sich annähernde Schiff hinter mir entlang führen. Toller Service! Gesagt, getan. Ich kuppel den Diesel ein und fahre unter Segel und Motor so schnell es geht über diese Schiffsautobahn.

Puuha, bin ich froh, als ich drüben bin und mein AIS-Gerät endlich wieder schweigt. Ich weiß nicht, ob das jetzt nur ein etwas unglücklicher Zufall war. Aber gegen diesen Traffic, den ich dort erlebt habe, kamen mir NOK und Unterelbe geradezu verkehrsberuhigt vor.

Der Rest der Reise nach Browershaven, wo ich meinen neuen Großbaum abholen will, verlief planmäßig, wenn man einmal davon absieht, dass das Gebiet der Schelde mit ihren verschiedenen Mündungsarmen nach meinem Empfinden ein ziemlicher Irrgarten aus Dämmen, Brücken und Schleusen ist. Nicht jede Brücke ist mit stehendem Mast durchfahrbar. Nicht jeder Damm verfügt über eine Schleuse. Das Grevelingen Meer, an dem Browershaven liegt, ist z.B. wegen eines Dammes nicht direkt von See aus zugänglich. Also nähere ich mich quasi im Riesenslalom…

Mittwochmorgen schlage ich dann voller Hoffnung und Vorfreude bei „Seldén Mid Europe“ auf, treffe auf sehr nette Leute und bin gut eine Stunde später mit meinem neuen Großbaum auf der Schulter wieder bei HavLys.

Neugierig und gespannt halte ich den mitgelieferten Universal-Lümmelbeschlag zum Annieten an den Mast und… Shit! Er passt nicht an das ziemlich spezielle Profil meines Mastes. Zumindest nicht, ohne Kompromisse bei Stabilität und Sicherheit einzugehen.

Jetzt ist guter Rat teuer. Ich gehe die 10 Minuten zu Fuß zurück zu Seldén. Vielleicht haben die eine Idee. Sie machen darauf aufmerksam, dass sie allein auf Seldén-Masten spezialisiert sind, stimmen aber meiner Einschätzung zu und empfehlen einen Rigger am Ort.

Ich also erstmal dorthin. Nochmal 10 Minuten Weg. Dort ist man auch total nett und zum Beispiel sofort bereit, mir Werkzeug zu leihen, hat aber definitiv keine Zeit, mir bei meinem Problem zu helfen. Da helfen auch meine sämtlichen Überredungskünste nicht. Sie sind jetzt schon übervoll mit Terminarbeiten und haben auch nur jeder zwei Hände, macht mir der Chef klar. Vielleicht nächste Woche…

Es gibt aber auch noch eine Werft am Ort, vielleicht können die ja helfen? Ein Anruf des Riggers dort führt aber zum selben Ergebnis. Keine Zeit!!

Ich sehe gerade meine Felle wegschwimmen und tausend Gedanken und Optionen schießen mir durchs Hirn. Das gibt’s doch nicht! Erst die schöne Überraschung mit der unerwartet schnellen Verfügbarkeit des Baumes und jetzt hänge ich doch noch eine weitere Woche herum? Das will ich einfach nicht akzeptieren. Es muss eine Lösung geben!

Meine Idee: Wenn die Arbeitszeit derzeit so super knapp ist, dann brauche ich nur Material und die Erlaubnis zur Werkstattnutzung und fertige das benötigte Bauteil eben zur Not selbst.

Eine Schablone dazu habe ich bereits angefertigt. Damit wende ich mich mit Unterstützung eines freundlichen Seldén-Mannes, den ich zuvor gebeten habe, ein gutes Wort für mich einzulegen, noch einmal an die Werft.

Am Ende zeigte man dort Erbarmen und der nette Meister fertigte in der Werkstatt mit mir zusammen für kleines Geld eine passend gebogene Alu-Platte nach meiner Schablone.

Eine Stunde später hielt ich meinen ‚hand made Fitting‘ in den Händen und es konnte weitergehen.

Zwei volle Arbeitstage habe ich trotzdem auf diese Weise gebraucht, um mein Boot wieder richtig seeklar zu kriegen.

Fehlende Teile besorgen, Werkzeuge ausleihen und  zurückbringen, den alten Baum entsorgen und und und… Aber es hat sich gelohnt!

Der neue Baum ist klasse und der Lümmelbeschlag jetzt stabiler als je zuvor.

 

 

 

Eines ist mir an Browershaven, ebenso wie überhaupt an dieser ganzen Gegend hier, noch aufgefallen: Die Menschen sind ausgesprochen freundlich. Überall wird freundlich gegrüßt. Auch der Touri (also ich) auf der Straße. Das wirkt ansteckend…

Am Freitag hält mich dann trotzdem nichts mehr in diesem netten kleinen Browershaven.

Ich setze bei strahlendem Sonnenschein die Segel und nutze eine angenehme Brise von 

3 Bft, um wieder im Riesenslalom in Richtung See zu fahren. Spätnachmittags schleuse ich auf der Osterschelde bei Roompot aus und bin wieder auf der Nordsee. Das Wetter ist einfach zu gut, um jetzt schon wieder einen Hafen anzulaufen.
Und so segel ich in die Nacht hinein, um am nächsten Morgen um 04:30 Uhr in Nieuwpoort einzulaufen.

Die Nachtfahrt war problemlos und einfach schön. Abgesehen vielleicht von einer kurzen Phase in der Außenschelde beim Kreuzen des Verkehrsstroms von und nach Antwerpen sowie Zeebrugge, in der trotz guter Sicht wieder mehrfach Ausweichen, Aufstoppen und Kontakt zum ‚Traffic Centre Zeebrugge‘ notwendig wurde und in der ich mich ein wenig in meine Rotterdam-Erfahrung zurückversetzt fühlte.

Jetzt, hier im sonnigen Nieuwpoort, mache ich mir mit gewissem Stirnrunzeln so meine Gedanken über die nächsten Etappen. Die Einfahrt in den Ärmelkanal steht kurz bevor und die Wetteraussichten für die nächsten Tage verheißen in diesem Seegebiet nicht viel Gutes. Da wechseln sich wiederholt kurze Flauten mit Phasen von frischen bis starken Westwinden ab.

Also genau von vorne. Und das bei diesen heftigen Tideströmen, die in Längsrichtung zum Kanal setzen…

Bingo!!

Naja, ich werde berichten… 😉⛵️

4 Kommentare

  • Mike R. says:

    Ralf, wieder ein toller Bericht, schöne Bilder, lebhaft erzählt. Jeder, der das Seegebiet jemals befahren hat – egal auf welcher Plattform – wird nachvollziehen, was Du erlebst. Bei verminderter Sicht und dann Solo, eine ganz spezielle Herausforderung. Je kleiner das Boot, je mehr „Puuha“ 🤪
    Westlich Dover-Calais wird’s vielleicht ruhiger, die Masse fährt dann West-Ost. Aber Achtung – keep sharp outlook! die Schnellfähren mit > 50kn „fliegen“ quer durch Trennungsgebiete.
    Go West !!
    Wir sind bei Dir, viel Glück weiterhin
    M

    • Ralf Kock says:

      Hallo Mike,
      danke für die Blumen! 😊
      Ich frage mich nur, wie das die Solo-Nonstop Segler ala W. Erdmann & Co in diesem Gebiet machen.
      Irgendwann muss man ja schließlich auch mal schlafen.
      Das ist m. E. der pure Irrsinn…

  • Niko says:

    Danke Ralf! Das liest sich wirklich gut!! Man kann sich deine Situation gut vorstellen- Respekt!!! Wie sagt Hans Peter doch: „Wer Zeit hat hat immer schoenes Wetter“ – ich wuensche Dir beides!!!

    • Ralf Kock says:

      Hey Niko,
      danke dir! 👍🙂
      Ich mach hier schon nichts mit der Brechstange, aber Segeln bei Tageslicht und guten Bedingungen scheint hier diese Tage rar wie Goldstaub zu sein.
      Werde also sich bietende Gelegenheiten 24/7 nutzen…
      Naja, und wenn es so weitergeht, werde ich über kurz oder lang vielleicht noch mal die grundsätzliche Törnplanung überprüfen müssen… ☝️😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.