Kurs Südwest…

von Ralf Kock am 07.05.2019 / in Allgemein
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Helgolands Südhafen liegt in strahlendem Sonnenschein, eine leichte Brise zieht von Westen herüber.

Was für ein Unterschied zu dem Bild vor zwei Tagen, als wir nachts um ein Uhr bei Saukälte und immer weiter zunehmendem Starkwind aus West mit 6,5 Knoten Fahrt in gespenstischer Szenerie bei grober See zwischen die Molenköpfe in den schützenden Vorhafen geschossen sind.

Aber der Reihe nach…

Nach zweijähriger Vorbereitungszeit und einem in mehrfacher Hinsicht ziemlich anstrengend-intensiven Jahresauftakt soll es jetzt für rund 5 Monate auf Langfahrt gehen. Ein lang gehegter Traum von mir.

Der Plan: Eine großzügige Runde im Nord-Ost-Atlantik.

England, Spanien, Madeira, Azoren, Irland und schließlich Schottland stehen auf der Törnliste, bevor es Ende September oder Anfang Oktober wieder über die Nordsee nach Hause geht.

Wir werden sehen, ob das alles so klappt…

Zu den Vorbereitungen will ich hier nur soviel sagen: Es ist ne Menge zu bedenken und man unterschätzt den Umfang sehr leicht.

Jedenfalls ist das Boot Anfang Mai tatsächlich startklar und ich werde erst in Langballigau rührend von Familie und Freunden sowie am Abend vor der Kanalpassage in Kiel noch einmal von Kieler Freunden verabschiedet. Whow! Ein tolles Gefühl zu erleben, wieviele Menschen Anteil an meinem Vorhaben nehmen und mir von Herzen eine gute Reise mit tollen Erlebnissen wünschen!

Am 3. Mai schmeißen Roy (mein Mitsegler für die ersten Wochen) und ich zwischen zwei Starkwindfronten jedenfalls die Leinen in Langballigau los, noch einmal verabschiedet von Freundin Britta, lieben Freunden und Kollegen.

Die erste Etappe soll bis Kiel gehen und beginnt in gewisser Weise auch gleich standesgemäß für das Vorhaben, nämlich als erste kleine Prüfung für Boot und Crew.

Bei Kalkgrund ziehen Böen mit bis zu 40 Knoten über uns hinweg und wir surfen nur unter gerefftem Groß mit bis zu 10 Knoten Fahrt die Wellen herunter.

Zum Glück reagiert HavLys auf diese Bedingungen wie gewohnt mit unaufgeregter Gelassenheit. Das einzige, das wirklich etwas stört, ist diese Kälte. Wir haben nicht mal 10 Grad Lufttemperatur.

Als wir gut 5 Stunden später in die Kieler Förde einbiegen, sind wir denn auch leicht gefrostet. Daran müssen wir uns erst noch gewöhnen…

Die Kanalpassage am folgenden Tag gehen wir zu dritt an. Eingestiegen ist Isabell (genannt Isi), die kürzlich zusammen mit Roy den SKS gemacht und jetzt, nach frisch abgeschlossenem Studium, Lust auf ein kleines Nordsee-Abenteuer hat.

Wir kommen ohne Wartezeit in die Schleuse und auf den ersten Kilometern begleitet uns Britta vom Ufer aus fotografierend mit dem Fahrrad. Ein allerletzter Abschied, bis sie in über 3 Monaten selbst eine Etappe mitsegeln wird… Der Rest der Tour bis Brunsbüttel verläuft unspektakulär, wenn man davon absieht, dass wir irgendwann sogar eine kleine Schneewehe im Cockpit haben. Und das im Mai!!!

Sonntag, den 5. Mai soll es dann bis nach Helgoland gehen. Die Tide zwingt uns zu einem frühen Start und um sechs Uhr laufen wir bereits aus der Schleuse aus.

Die Elbe empfängt uns zunächst mit moderaten, später zunehmend böigen Bedingungen.

Isi lernt HavLys erstmals unter Segeln kennen und wirkt sehr angetan.

Und ich merke, dass sie sehr schnell lernt und an Bord gut zu gebrauchen ist.

In Cuxhaven legen wir dann einen Zwischenstop ein, um eine Tide abzuwarten.

Ein wenig ausruhen, letzte Checks hier und da, richtig seeklar machen.

Mir ist bewusst, dass uns ein härterer Ritt bevorsteht.

Seit Tagen wehen an der Nordseeküste starke Winde aus westlichen Richtungen. Der Wind ist jetzt sehr böig und weht mit 15 – 25 Knoten aus West bis Nordwest. Später soll er auf offener See auf 25 bis 30 Knoten (Mittelwind) zunehmen.

Für uns genau gegenan.

Dazu die ablaufende Tide, die wir ausnutzen wollen, aber draußen in der Elbmündung für steilen Seegang sorgen wird.

Wir machen die Kutterfock klar und binden das 1. Reff ins Groß. Um 14:30 Uhr laufen wir aus und freuen uns über gutes Vorankommen bei zunächst angenehmen Bedingungen.

Doch als wir gegen 18 Uhr den großen Vogelsand passiert haben, geht es richtig los.

Fette steile Seen. Stellenweise auch Kreuzseen. 2-3 Meter hoch. HavLys kriegt ordentlich Prügel, schlägt sich aber gut. Mehrmals ist eine See so steil, dass sie über das gesamte Deck läuft und die vor dem Sprayhood montierte Rettungsinsel zum Wellenbrecher mutiert. Alter! Das gab es so nicht mal beim Silverruder letztes Jahr…

Dann durchfahren wir immer auch wieder Bereiche mit moderatem Seegang.

Irgendwann bin ich unter Deck und will im Salon an Stb ein offenes Schab schließen. Plötzlich holt HavLys hart über und ich fliege über den Tisch, um gegenüber auf der Bb-Seite wieder aufzuschlagen.

Okay, das war nicht mehr witzig. Zum Glück blieb es nur bei einer Armprellung!

Das Bewegen unter Deck ist jetzt Schwerstarbeit.

Auf Höhe der Außen-Elbe-Reede verabschieden wir uns von der Elbe und laufen nach Norden. Dort nehmen Wind und Seegang weiter zu. Die höchsten Seen haben sicher 3m, vereinzelt vielleicht auch mehr. Allerdings sind sie nicht mehr ganz so steil, so dass das Boot die Wellen meistens gut aufsteigen kann.

Irgendwann so gegen 21 Uhr wird es Roy übel. Die restlichen 4 Stunden opfert er auch die letzten Reste im Magen. Aber er beißt sich durch und arbeitet in den Wenden mit.

Isi friert nur stark, ist aber ansonsten tough und immer da, wenn eine Hand gebraucht wird. Zum Glück haben wir den Windpiloten, der uns die Arbeit an der Pinne weitestgehend abnimmt.

Der Rest bis Helgoland zieht sich. Inzwischen hat die Tide gekentert und wir kreuzen gegen Strom und hohe Welle mit lausigen Wendewinkeln. Letzteres liegt auch daran, dass der Wind zeitweise auf unter 20 Knoten abflaut.

Später hat der Wind wieder zugelegt und steigert sich auf 30 – 35 Knoten. Vor der Tonne „Düne S“ kurz vor Helgoland ist der Seegang gegen Mitternacht so hoch, dass die Insel manchmal samt Leuchtfeuer im Oberland komplett hinter Wellenkämmen verschwindet.

Gegen 01 Uhr schießen wir dann schließlich in den schützenden Südhafen hinein. Die Ansteuerung hatte unter diesen Bedingungen ihren besonderen Reiz und war durchaus eine Hausforderung für sich.

Booah, ich gebe zu, so etwas brauche ich nicht jeden Tag. Kälte und Seegang haben uns doch ganz schön zugesetzt.

Das hat Isi offenbar auch so gesehen, denn sie musterte am nächsten Tag ab, um mit dem Bäderschiff zurück nach Hause zu fahren.

 

Doch beide Mitsegler, Roy und Isi, resümierten, dass sie sich trotz der harten Bedingungen während der Überfahrt nicht in Gefahr wähnten. Vertrauen zu Boot und Skipper hatten. Ein nicht ganz unwichtiges Detail…

HavLys hat sich erneut gut bewährt und die Fahrt ohne Schäden überstanden.

Für mich war es einmal mehr eine tolle und intensive Erfahrung, die mir jetzt, zwei Tage später, allemal ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

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